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"Der Abend war eine Propagandabroschüre"

Das poetische Lebenswerk eines Klassikers des 20. Jahrhunderts: Der rumänische Dichter Gellu Naum, übersetzt von Oskar Pastior.

Fällt der Name Gellu Naum, rastet sofort die Schablone "Surrealist" ein. Und in der Tat hat sich der Rumäne, der 1938 sein Philosophiestudium an der Sorbonne fortsetzte und mit André Breton in Kontakt kam, zeit seines Lebens zum Surrealismus bekannt. "Ich mache keinen Surrealismus, ich bin Surrealist", pflegte er zu sagen. In seinen Gedichten konnte er Synästhesien in Szene setzen wie diese: Ich träumte akustische Landschaften / von tönenden Hügelzügen Pyramiden mit klingendem Spiel und eben ausschlagenden Pianinos.

Akustische Landschaften

Die wilde Anarchie poetischer Bilder, mit der Naum im Band Der wandernde Brandleger 1936 antrat, hat nichts von ihrer Frische verloren. Der wandernde Brandleger schärft das Leuchten seiner / Augen an statistischen Broschüren, heißt es gleich am Anfang, und der Dichter wird in dem frei fließenden fünfseitigen Text auch selbst angesprochen: Die Mütter treiben es verrückt an Balkannachmittagen: / "Ich werde unter die Erde kommen / Gellu Herzchen vergiß das nicht hier mein Photo / du hast mir die alten Tage verdorben. Er versichert, er werde schreiben damit die Stinkejauche süßer Verse abfließt / und es auch anzustellen wissen Mutter meine Stinke-/ socken an den Ruhmestagen vor den Pforten der Rumänischen Akademie zu hissen.

Außer gelegentlich unvermeidlichen Punkten und Doppelpunkten ist dieser Textstrom immer interpunktionslos, und in seinen Anfängen blitzen auch politische Assoziationen auf: und der Abend leckte an den Fensterscheiben der Abend / war eine Propagandabroschüre - so schließt Der wandernde Brandleger - eine deutliche Abgrenzung von der pathosversuchten antidemokratischen Politrhetorik der rumänischen Vorkriegszeit. Bis 1947 war Gellu Naum die Zentralfigur einer Gruppe rumänischer Surrealisten, die André Breton zur Aussage veranlasste, das Zentrum der surrealistischen Bewegung habe sich nach Bukarest verlagert.

Nach der kommunistischen Machtergreifung wurde der Surrealismus verboten, und Gellu Naum durfte 20 Jahre keines seiner Werke veröffentlichen. Über Wasser gehalten hat er sich, indem er zu einem bedeutenden Übersetzer wurde: Von Diderot und Stendhal bis zu Kafka und Beckett las man in Rumänien vieles in seiner Übertragung; in den 1990er Jahren wurde Warten auf Godot oft gespielt.

Klarheit verfälscht

Ab 1968 konnte Naum wieder Gedichte veröffentlichen, und von da an entstand in dichter Folge sein weiteres Werk. Dass er in den 1990er Jahren zum überragenden rumänischen Poeten und zu einem lebenden Klassiker der Moderne wurde, hat in seinem Schreiben keine Stagnation bedeutet, sondern neue Kräfte freigesetzt. Knapper, gezielter, strenger komponiert wird das immer noch surreale Bildmaterial: Es waren liebliche Täler ihr Wermut bitter und samten die Hügel und / die Pferde mit Dunkelheit gesattelt und das alles stimulierte unseren / Wunsch da zu wandern - so beginnt eines dieser nahezu strophisch gegliederten Gedichte. Doch gegen den Bereich der chaotischen Klarheiten oder gegen eine Klarheit / die verfälscht und vergisst ziehen sie immer noch kompromisslos zu Felde. Von Alter und Ende ist bisweilen die Rede - in leichten, schwebenden Bildern. Und Poesie bleibt, was sie für Gellu Naum schon 1945 war: "eine Form der höheren Unzufriedenheit".

Dass man Gellu Naums poetisches Lebenswerk, seine "Pohesie", jetzt auf Deutsch lesen kann, ist der jahrzehntelangen Arbeit des kongenialen Dichters Oskar Pastior zu danken, der, aus Hermannstadt kommend, im Rumänischen zu Hause war. Und dem phantastischen Verleger Urs Engeler, der rückhaltlos auf Poesie setzt und mit diesem Band seine deutschsprachige Gellu Naum-Ausgabe eröffnet.

POHESIE

Sämtliche Gedichte von Gellu Naum

Aus dem Rumänischen übersetzt von Oskar Pastior und Ernest Wichner

Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2006, 855 S., geb., € 45,30

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