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Die Gespenster der Vergangenheit

Es sind die Untoten, die Opfer, die wir nicht ruhen und die uns nicht ruhen lassen. Sie drängen aus den Tiefen unseres Bewusstseins immer wieder ans Tageslicht. Sie werden nicht nur beweint, sondern auch missbraucht und verhöhnt. Worte, die einmal in die Welt gesetzt werden, können sich allzu schnell in Taten verwandeln. Die Grenze vom gedachten zum tatsächlichen Mord ist mitunter fließend. Wir, die wir uns durch die Gnade der Spätgeborenen von Schuld freigesprochen wähnen, tragen die Verantwortung, sind Teil unserer untrennbar durch Jahrtausende ineinander verwobenen Geschichte.

Keiner kann nach seiner Geburt bei der Stunde Null beginnen. Niemand kann Geschichte durch noch so raffinierte Fälschungen ändern. Wir sind ihr Bestandteil und abhängig von Entwicklungen und Geschehnissen, die es lange vor uns gegeben hat. Dem Hang zur populistischen Vereinfachung zum Trotz, sind wir von unserer Veranlagung her Täter und Opfer. Die Wiedergeburt Österreichs wurde mit der Lüge, nur Opfer gewesen zu sein, auf den in den Fünfzigerjahren notdürftig zugeschütteten Trümmern der nationalsozialistischen Diktatur errichtet. Die Eröffnung der wiedererrichteten Wiener Staatsoper ist dafür ein Beispiel. Erfolgreiche und von der NS-Zeit profitierende Künstler gaben den Ton an. Direktor und Dirigent, Regisseur der Eröffnungsvorstellung und Gestalter des eisernen Vorhanges, sie alle waren Profiteure der NS-Zeit.

Eine erste Aufarbeitung erfolgte erst ein halbes Jahrhundert später. Heute vergeht kaum ein Tag ohne Meldungen von Perversionen und Praktiken zweifelhafter Verbindungen, Bünde und Vereine, von denen niemand etwas gewusst haben will. Unsere Sucht nach Harmonie hat sie wachsen und gedeihen lassen. Wir aber wünschen uns ein offenes, freies Land, in dem es keinen Platz mehr gibt für das Verschweigen und Vertuschen verbrecherischen Handelns.

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