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Literatur

Nomaden am Himmel

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Enzensbergers lyrische Geschichte der Wolken.

Wolkenarchäologie - eine Wissenschaft / für die Engel. Ja, ohne die Wolken / stürbe alles, was lebt." Hans Magnus Enzensberger bündelt in seinem neuen Gedichtband elementare Erkenntnisse zu einer lyrischen Geschichte der Wolken. Eingewirkt in seine subjektiven Himmelsbetrachtungen sind frappante Assoziationen, die sich in stillen Beobachtungen fortpflanzen. "Rotgoldene Abendränder", "hohe Wanderungen", majestätische Gebärden am Himmel, Kristalle und riesige Nomaden. Diese wattig weichen Wolkenbänder am blauen Firmament erweisen sich als besonders ergiebige und interessante poetische Spielwiese.

Aber hier geht es nicht nur um Bewegung und Architektur im Himmelsraum, obgleich die Wolken als Betrachtungsobjekt öfters durch Enzensbergers Meditationen geistern, sondern auch um eine anregende Versprachlichung unscheinbarer Momente oder leiser Erkenntnisse aus Alltag und Leben. Ein Rondell von Themen schlägt hier vielfältige Schneisen. Vom Bombengroll und fehlenden polyglotten "Pfingstwunder" über moderne "Schlüsselgewalt" und heimische Birnbaumidylle zu Manifestationen des Wortes und zum knopflosen Totenhemd. Oft ist es das Unspektakuläre, das dem Menschen zufallen und ihn für einen Augenblick aus dem Sein heraustreten lassen kann: ein plötzliches Wintergewitter, ein gelbes Rapsfeld, das Sich-Niederlassen einer "Schneeflocke am flaumigen Arm einer Frau". Minuten geistigen Wegtretens zerdehnen die Zeit, wenn im schräg einfallenden Licht das einzigartige Glitzern einer Wolke wahrgenommen wird.

Dann wieder senkt sich der Blick auf Temperaturen, die kein Thermometer messen kann, wie die "fiebrige Glut der Eifersucht", "die hitzige Scham" oder "die beiden Wärmen der im Bett aneinander sich schmiegenden Schläfer". Liebenswürdig auch der Text über die "Vorzüge" seiner Frau.

Einfach und klar wölbt sich bei Enzensberger das Bild hinter dem Begriff: Wir wissen, der Ausweg ist "das Schlupfloch, die Hintertür". Freilich: "An diesem frisch gestrichenen Tag / steht die Geschichte still, / die alte Geschichte. / Niemand brüllt / Bis zum nächsten Mal."

Die Geschichte der Wolken

99 Meditationen von Hans Magnus Enzensberger

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2003

150 Seiten, geb., e 20,50

Enzensbergers lyrische Geschichte der Wolken.

Wolkenarchäologie - eine Wissenschaft / für die Engel. Ja, ohne die Wolken / stürbe alles, was lebt." Hans Magnus Enzensberger bündelt in seinem neuen Gedichtband elementare Erkenntnisse zu einer lyrischen Geschichte der Wolken. Eingewirkt in seine subjektiven Himmelsbetrachtungen sind frappante Assoziationen, die sich in stillen Beobachtungen fortpflanzen. "Rotgoldene Abendränder", "hohe Wanderungen", majestätische Gebärden am Himmel, Kristalle und riesige Nomaden. Diese wattig weichen Wolkenbänder am blauen Firmament erweisen sich als besonders ergiebige und interessante poetische Spielwiese.

Aber hier geht es nicht nur um Bewegung und Architektur im Himmelsraum, obgleich die Wolken als Betrachtungsobjekt öfters durch Enzensbergers Meditationen geistern, sondern auch um eine anregende Versprachlichung unscheinbarer Momente oder leiser Erkenntnisse aus Alltag und Leben. Ein Rondell von Themen schlägt hier vielfältige Schneisen. Vom Bombengroll und fehlenden polyglotten "Pfingstwunder" über moderne "Schlüsselgewalt" und heimische Birnbaumidylle zu Manifestationen des Wortes und zum knopflosen Totenhemd. Oft ist es das Unspektakuläre, das dem Menschen zufallen und ihn für einen Augenblick aus dem Sein heraustreten lassen kann: ein plötzliches Wintergewitter, ein gelbes Rapsfeld, das Sich-Niederlassen einer "Schneeflocke am flaumigen Arm einer Frau". Minuten geistigen Wegtretens zerdehnen die Zeit, wenn im schräg einfallenden Licht das einzigartige Glitzern einer Wolke wahrgenommen wird.

Dann wieder senkt sich der Blick auf Temperaturen, die kein Thermometer messen kann, wie die "fiebrige Glut der Eifersucht", "die hitzige Scham" oder "die beiden Wärmen der im Bett aneinander sich schmiegenden Schläfer". Liebenswürdig auch der Text über die "Vorzüge" seiner Frau.

Einfach und klar wölbt sich bei Enzensberger das Bild hinter dem Begriff: Wir wissen, der Ausweg ist "das Schlupfloch, die Hintertür". Freilich: "An diesem frisch gestrichenen Tag / steht die Geschichte still, / die alte Geschichte. / Niemand brüllt / Bis zum nächsten Mal."

Die Geschichte der Wolken

99 Meditationen von Hans Magnus Enzensberger

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2003

150 Seiten, geb., e 20,50