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Literatur

Nur scheinbar einfach

1945 1960 1980 2000 2020
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Gegenwärtige politische Fragen in Literatur zu verarbeiten, ist ein heikles Unterfangen. Die Nähe zu Ereignissen und Meinungen schafft oft eher blinde Flecken. Manche Zusammenhänge werden erst im Rückblick und aus der Distanz erkennbar.

Noch schwieriger wird es, wenn Polarisierungen die politische Debatte prägen. Den Zuschreibungen aller Art ist schwer zu entkommen, politisch "engagiert" zu schreiben kann leicht dazu führen, der einen oder anderen Position einseitig zuzuarbeiten, selbst wenn das keine Absicht war. Dann lauert auch noch die Gefahr des Moralisierens. Literatur wird nicht unbedingt besser, wenn Autoren sich moralisch überlegen geben, direkt oder indirekt urteilen und verurteilen und damit womöglich die gesellschaftliche Polarisierung weitertreiben. Literarische Texte, die sich mit dem "Fremden" beschäftigen, müssen zudem irgendwie verhindern, bloß Projektionen und Klischees zu liefern.

Schreiben nach 9/11

Der amerikanische Schriftsteller John Wray, der als Sohn einer Kärntner Mutter zeitweise auch in Österreich wohnt und 2017 sogar mit einem deutschsprachigen Text beim Ingeborg-Bachmann-Bewerb in Klagenfurt angetreten ist, hat mit seinem neuen Roman "Gotteskind" einiges gewagt. Mit 9/11 ist ein neuer tiefer Graben entstanden, inzwischen ist Hetze gegen Muslime für manche ebenso selbstverständlich geworden wie islamistische Terroranschläge. Europäische Jugendliche sind als Soldaten in den Krieg des IS gezogen. In dieser Gegenwart schrieb John Wray seinen Roman, in dem er seine amerikanische Protagonistin nach Pakistan schickt.

Aden Grace Sawyer, die 18-jährige Tochter einer wohl alkoholkranken Mutter und eines von der Familie getrennt lebenden Professors für Islamwissenschaften, lebt im kalifornischen Santa Rosa. Sie besucht mit ihrem Vater, der sich mit dem Islam wissenschaftlich, nicht als Gläubiger beschäftigt, eine Moschee, wird davon berührt und lernt zudem noch Decker Yousafzai kennen, einen jungen muslimischen Amerikaner, dessen Eltern Paschtunen sind, die aus einem Gebiet in Pakistan an der Grenze zu Afghanistan kommen.

Aden und Decker, zwei junge Leute, so unzufrieden und wütend wie viele andere ihres Alters und ihrer Gesellschaft, geben vor, nach Dubai aufzubrechen. Ihr Ziel aber ist ein anderes, nämlich Pakistan. Decker will offenbar seine Vettern besuchen, Aden, die auch Arabisch spricht und viel religiöser scheint als er, eine Medrese, eine Glaubensschule, um den Koran zu studieren. Verhalten sich Aden und Decker erst noch wie verrückte und auch verliebte Teenager, etwa wenn sie am US-Flughafen aus Jux und Tollerei Preisschilder vertauschen, so tauchen die Jugendlichen schließlich immer mehr in eine Welt des Krieges ein.

Dieses Setting könnte zu vielem verführen: Begibt sich der Erzähler allzusehr in den Kopf seiner Protagonisten hinein und erklärt ihr Verhalten, ihre Absichten und ihre Ziele, so könnte er damit rasch ein Klischee schaffen, das Bild, wie man sich im Westen eine radikalisierte, zum Islam übergetretene Jugendliche vorstellt. John Wray ist als Erzähler zu versiert, als dass er in diese Falle ginge. Er hält Distanz zu den Figuren, von denen er erzählt. Er teilt zunächst gar nicht mit, warum sie etwas tun, welche Interessen sie verfolgen, was sie vorhaben und damit auch nicht, wer sie sind. Hier gibt es keinen Erzähler, der das Vorhaben seiner Figuren oder ihre Gedanken detailliert beschreibt oder womöglich sogar kommentiert. Wray stellt seine Figuren ohne Urteil vor allem in hinreißenden und oft auch verblüffenden Dialogen vor. So beginnt man als Leserin allmählich zu ahnen, was die unterschiedlichen Figuren antreibt und bewegt, auch wenn man sich dessen nie sicher sein kann. Diese Unsicherheit ist ein Prinzip des gesamten Romans: Auch die Figuren können nie sicher wissen, wer das Gegenüber ist. Um die Medrese besuchen zu können, verkleidet sich Aden als Mann und nennt sich Suleyman, bald ist sie weder die eine noch der andere und kann sich auch ihrer selbst nicht mehr sicher sein.

Die Kunst, Dialoge zu schreiben, beweist John Wray in vielen Szenen: bei der Begegnung der Tochter mit ihrem Vater vor der Abreise, bei ihren Gesprächen mit Freund Decker, im Flugzeug, wo sich Aden einem Paschtunen gegenüber begeistert von den Kämpfern zeigt und dabei auf deutliche Ablehnung stößt, vor allem aber in der Medrese, bei den Gesprächen über den Dschihad, aber auch über Barmherzigkeit, Gnade und Demut, über die Auslegung des Koran. Nicht nur in diese Gespräche webt John Wray einzelne Suren aus dem Koran ein, dessen sprachliche Schönheit über Jahrhunderte verzauberte und von dem Adonis einmal schrieb: "Es ist, als wäre der Koran insgesamt ein Garten und jede einzelne Sure ein Tor zu ihm."

Die Gespräche über Glauben und Leben erscheinen auch wie ein Abtasten des Anderen, ein Versuch herauszufinden, wer er sei. Nicht nur der Lehrer bemüht sich zu ergründen, welches Interesse Suleyman bewegt: Glauben, Frömmigkeit oder doch der Wunsch zu kämpfen? Mehr als ein Muslim warnt Aden davor, sich den Taliban anzuschließen. Doch als ihr Freund Decker, der ihr immer fremder wird, mit Ziar Khan, dem Sohn des Schulleiters, eines Nachts verschwindet, bricht Aden alias Suleyman auf, um sie zu suchen und mit ihnen zu kämpfen.

Fragen stellen und in Frage stellen

John Wray recherchierte vor Jahren über den Amerikaner John Walker Lindh, der sich den Taliban angeschlossen hatte. Das erklärt vielleicht, wieso Wray die Landschaft und die Dörfer derart beschreiben kann. Ob oder wie sehr die Szenerie "authentisch" ist, ist allerdings gar nicht so die Frage. Entscheidend ist, wie Wray mit erzählerischen Mitteln Gewissheiten zerrüttet, wie er in Frage stellt, etwa das, was wir glauben, dass andere glauben. Spannung erzeugt er mit Adens bewusstem Spiel mit Vorurteilen und mit der Frage, wann die Verkleidung auffliegt bzw. was überhaupt Verkleidung heißt.

Erinnerungen an "Yentl the Yeshiva Boy", den 1962 veröffentlichten Roman von Isaac Bashevis Singer, stellen sich ein. Darin will die Tochter eines Rabbiners die Tora in der Jeschiwa studieren und verkleidet sich daher als Mann. Auch die afghanische Tradition des "bacha posh", nach der Familien, die keinen Sohn haben, ein Mädchen als solchen verkleiden, wird hier aufgegriffen.

Wrays Roman scheint traditionell und recht einfach erzählt. Doch die Erzählperspektive macht ihn komplexer, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Bald wird wohl ein Angebot zur Verfilmung auf dem Tisch des Autors liegen. Dazu eignet sich auch die (etwas unglaubwürdigere) zweite Hälfte, in der Wray noch eine "Liebesgeschichte" präsentiert, die sich (symbolisch etwas überfrachtet) dann auch noch als etwas anderes entpuppt. Leider sind bei der Übersetzung einige stilistische Schnitzer passiert. Auch der Originaltitel "Godsend" ist vielsagender als der freilich auch passende deutsche "Gotteskind".

In Adens Briefen an ihren Vater, den sie Lehrer nennt, werden einige Motivationen deutlich, warum dieses Mädchen aus Kalifornien aufgebrochen ist, um dann sogar zur Mörderin zu werden. Aber glücklicherweise belässt es Wray bei Andeutungen, etwa der Leere, die sie in der Medrese füllen will, und dem Abgrenzungsversuch gegenüber ihrem Vater. Wray deutet nicht aus, was letztendlich nicht zu erklären ist.

Der Komplexität der Gespräche in der Koranschule scheint in den Militärcamps Reduktion zu folgen, hier geht es nur mehr darum, ein "Einziges" zu sein.

Aber nichts ist einfach, ganz im Gegenteil. Das politisch Komplexe wird sichtbar, als die Nachricht vom Terrorangriff in Manhattan eintrifft (womit die Romanhandlung dann auch datiert wäre). Während die Paschtunen noch verblüfft sagen: "Das waren keine Paschtunen", fliegen schon die Bomber und zerstören die Dörfer. Augenzeugin Aden, die eben noch meinte, die Kämpfe hier hätten doch nichts mit Amerika zu tun, findet sich inmitten einer komplexen Welt, die nur der Krieg -und der nur scheinbar -zu einer einfachen macht.