Sigrid Laubes Roman "Marie mit dem Kopf voller Blumen" führt ins 18. Jahrhundert.

Neuartigkeit? Die brauchen wir nicht." Man schreibt das Jahr 1768. Noch weiß man nichts von einer Französischen Revolution, doch der frische Wind des Umbruchs dringt schon jetzt bis in die Wiener Vorstadt, wo Dr. Mesmer seinem grantelnden Gärtnermeister zur Antwort gibt: "Mitnichten mein Lieber! Die brauchen wir schon! Die Welt dreht sich, sie steht nicht still."

Mit dieser Weltendrehung sind nicht nur orientalische Gewürze und chinesische Seide in das Palais des weltoffenen Arztes gelangt, sondern auch Ideen so genannter Philosophen, von deren Auftreten in Frankreich man seit Neuem hört. Von Vernunft wird da unter anderem gesprochen - und viele Fragen stellen sich vor diesem neuen Denkhorizont neu. Zum Beispiel jene nach der Zukunft von Marie, der 14-jährigen Tochter des Gärtnermeisters, die in wenigen Monaten ins Kloster der Elisabethinen eintreten und Krankenpflegerin werden soll. Maries Leidenschaft jedoch gehört den Gärten und deren Gestaltung. Wieso also, fragt die Vernunft, sollte ein Mädchen nicht Gartenbaumeisterin werden?

Mit der Figur des umtriebigen Doktors lässt Sigrid Laube in ihrem historischen Roman beispielhaft das bürgerliche Zeitalter anbrechen - und nimmt Bezug auf eine historisch belegte Figur: den Arzt Franz Anton Mesmer, der als Wegbereiter der modernen Hypnosetherapie gilt und in dessen privatem "Naturtheater" Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne uraufgeführt worden sein soll. In Laubes Roman zeigt er sich als vielinteressierter Gönner, dem es gelingt, ein wenig Schwung in den Weltenlauf zu bringen.

Erzählerisch gemessen wird diese Vorwärtsbewegung in Monatsschritten: Beginnend mit Februar 1768 folgt man Marie, der nur bis Oktober Zeit bleibt, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Monat für Monat wird aus ihrer Sicht das Erblühen der Natur geschildert; begleitet vom Frühlingserwachen ihrer eigenen Interessen und Fähigkeiten - sichtbar gemacht an einem Stück Garten, das Dr. Mesmer ihr zur freien Gestaltung überlassen hat.

Platziert wird Maries Entwicklungsgeschichte vor dem mit zahlreichen heimatgeschichtlichen Details angereicherten Hintergrund eines Wiener Vorstadtviertels: Egal ob Marie im Klostergarten ihr Novizenhemd bestickt oder im Krankensaal Dienst tut, ob sie mit der Haushälterin Burgi am Markt einkauft oder gemeinsam mit Bäckerssohn Jakob ihre kostbaren Rosen vor dem ersten Frost rettet - Sigrid Laube erschafft ein lebendig wirkendes Zeitkolorit, zu dem auch der 12-jährige Wunderknabe Wolfgangerl, der so infantil durch die Szenerie springinkerlt, das Seine beiträgt.

Marie mit dem Kopf voller Blumen

Von Sigrid Laube

Verlag Jungbrunnen, Wien 2007

151 Seiten, geb., € 14,30

FURCHE-Navigator Vorschau