Was alles verloren geht - © Foto: iStock / DaveLongMedia
Literatur

Was alles verloren geht

1945 1960 1980 2000 2020

Elisabeth R. Hagers neuer Roman „Fünf Tage im Mai“ umspannt knapp 20 Jahre im Leben ­seiner Protagonistin, beschäftigt sich aber auch mit der Einzigartigkeit aller Existenz.

1945 1960 1980 2000 2020

Elisabeth R. Hagers neuer Roman „Fünf Tage im Mai“ umspannt knapp 20 Jahre im Leben ­seiner Protagonistin, beschäftigt sich aber auch mit der Einzigartigkeit aller Existenz.

Illy wächst heran, wird in manchem vernünftiger, in manchem unvernünftiger, wie es einem jungen Menschen gemäß ist, der sich in der Gesellschaft seinen Platz erobern muss, zugleich aber die Grenzen auslotet. Einmal angepasst, dann rebellisch, Matura und Studium stehen für den Willen, etwas aus sich zu machen, die Liebe zum Außenseiter Tristan, der das Anti-Establishment verkörpert, deutet an, dass Illy immer auch für Ausbruchsversuche aus dem Käfig der Konvention zu haben ist. Sie weiß, was ihr guttut, und verstößt vorsätzlich dagegen, denn das Leben ist ein Selbstversuch im Ausprobieren aller Möglichkeiten, auch der schädlichen. Überhaupt will eine Jugendliche oft einfach cool wirken.

Die Tirolerin Elisabeth R. Hager erzählt in fünf Kapiteln von Illy. Jedes spielt an einem Tag im Mai, getrennt sind die Kapitel durch mehrere Jahre. So bekommt man in Sprüngen die Entwicklung des Kindes zur Erwachsenen mit. Am 8. Mai 1986 findet die Erstkommunion statt, am Ende, im Mai 2004, wird Illy 26 Jahre alt sein. Wir erfahren die Entwicklung aus der Perspektive von Illy, die gar nicht verhehlt, dass sie reichlich Mist gebaut hat in ihrem Leben. Büchern, in denen Leute zurückschauen auf ihre jungen Jahre, ist zumeist nicht zu trauen. Zu viel stolze Selbsterhöhung ist im Spiel, wenn gestandene Bürger davon berichten, welche Racker sie doch in ihrer Jugend gewesen sind.

Aufforderung zur Selbstermächtigung

Dieser Falle entgeht Hager, weil sie Illy stets auf dem Hintergrund der Gesellschaft agieren lässt. Sie schreibt eine Geschichte der Einordnung in die Gemeinschaft, zu der Versuche, aus der Reihe zu tanzen, dazugehören. Das ist ja keine Musterkind-Geschichte! Die fiele etwas gar eintönig aus. Die einzelnen Kapitel halten die Motive Liebe und ultimative Trennung, also Tod, zusammen.

Dass die Liebe zu Tristan Illy nicht gut bekommen wird, ist absehbar. Er hat sich aus der Gesellschaft bugsiert, säuft, pflegt Umgang mit fiesen Kerlen, als gewalttätig erweist er sich obendrein. Als sie sich von ihm trennt, wirft er sich vor einen Zug. Jetzt lebt sie mit dem Schuldproblem. Einfacher, weil beständig, gestaltet sich die Liebe zu ihrem Urgroßvater, der immer da ist für Illy. Sie darf sich auch bei all ihren Eskapaden von ihm verstanden fühlen. Er stirbt mit knapp hundert Jahren, er hinterlässt ihr als Erbe sein Haus und den Auftrag, sich nicht unterkriegen zu lassen. Niemandem ist so bewusst wie dem Urgroßvater, welche Last Illy nach dem Freitod Tristans zu tragen hatte, stand er doch Vergleichbares durch. Er fühlte sich schuldig am Tod seiner Verlobten, die nach dem Sprung von einem brennenden Ausflugsschiff zu Tode kam. Und er konnte sie nicht beschützen. „Im Leben geht’s nit so zu wie in diesen amerikanischen Filmen, Illy, wo sich immer alles auflöst und gut wird am Ende.“ Mit Trost geht Hager in diesem Buch denn auch sparsam um. Die Aufforderung zur Selbstermächtigung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und vor Widerständen nicht zu kapitulieren, steckt dennoch in ihm. Dafür gibt der Urgroßvater das Vorbild ab, der Dorf-Autoritäten, die sich ihm anbiedern, dumm aussehen lässt.

Eine abstrakte Größe wie die Landbevölkerung, von der in politischer Rede gern pauschal gesprochen wird, löst Hager in einzigartige Persönlichkeiten auf. Rätselhaft, wie diese so unterschiedlichen Typen in einem großen Ganzen, dem Volk, aufgehen sollen. Mit jedem Tod geht auch etwas Einzigartiges, nicht Kopierbares verloren. Der Urgroßvater war der letzte Fassmacher in Tirol. Dieses Wissen ist jetzt versunken. Wenn Illy die Werkstatt anschaut, sieht sie in Gedanken den alten Mann bei der Arbeit, aber die Dinge, die für diesen alten Mann eine ganze Welt ausmachten, haben ihren Wert verloren, sind tote Materie. Niemand anderer kann damit auf sinnvolle Weise umgehen. Elisabeth R. Hager hat ein angenehm uneitles Buch geschrieben. In Dialogen sucht sie die Nähe zur Umgangssprache, was erheblich zur Individualisierung beiträgt.