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Babykino-Farce

Es heißt "Babykino", ist aber als Kino-Angebot für Eltern mit Klein(st)kindern gedacht. "Nichts da", meinte die Magistrats-Bürokratie.

Sanftes Licht erhellt den Kinosaal, der Ton ist leiser als gewohnt. Ein Teil des Publikums, vorwiegend Frauen, folgt dem Film auf der Leinwand. Die anderen schlafen auf den gepolsterten Kinosesseln oder schauen an die Decke und brabbeln vor sich hin. Die bewegten Bilder da vorne interessieren sie nicht, sie sind ja schließlich Babys. Einige nuckeln an der Brust ihrer Mutter, und wenn einer der Säuglinge zu weinen beginnt, wird er hinaus ins Foyer getragen, wo Flaschenwärmer und Wickeltisch für das Baby sowie Kaffee und Kuchen für die Mutter bereitstehen. Viele Mütter - aber auch Väter - mit Kleinkindern nutzten das Angebot eines "Babykinos" im Wiener Votiv Kino. Die Idee stammt aus den usa, hat sich aber auch in Australien, Großbritannien und weiteren europäischen Ländern durchgesetzt. "Ein unkompliziertes Kulturangebot für Mütter mit Säuglingen jenseits der eigenen vier Wände", wie Michael Stejskal, Geschäftsführer des Votiv Kinos, das vor einem Jahr gestartete Projekt beschreibt.

Kinoverbot für Mütter

Doch Stejskal und sein hochzufriedenes Publikum hatten nicht mit dem Beharrungsvermögen der für Kinder zuständigen Wiener Behörde, der Magistratsabteilung Numero 11 gerechnet. Die MA 11 leitete wegen des Verstoßes gegen jugendschutzrechtliche Bestimmungen ein Verwaltungsstrafverfahren gegen den Kinobetreiber ein, woraufhin das Projekt mit 1. März gestoppt wurde.

"Aus psychologischer Sicht ist das Kino kein Treffpunkt für Eltern mit Babys", verfügte das Amt. "Kleinkinder können zwar dem Inhalt des Geschehens nicht zur Gänze folgen, sie werden aber einer Reizüberflutung von ihnen unbekannten Bildern und dramatischer Musik, wie sie ja oft bei Schreckensszenen zu hören ist, ausgesetzt und reagieren darauf häufig mit Angst. Kinder erleben ihre unmittelbare Bezugspersonen im Kino je nach Film aufgeregt, angespannt, abgelenkt, traurig usw. und werden von diesen Stimmungslagen unter Umständen zusätzlich irritiert", ließ die Behörde wissen. Fazit: "Das Kino ist nicht der Ort, an dem Eltern mit Babys und Kleinkindern entspannte Unterhaltung konsumieren und Beziehung pflegen können."

Grün-schwarz-...

"Moralingetränkte Bewahrungspädagogik" sei dies, protestiert Stejskal. Eine Trennung von den Eltern sei für die Kinder sicher belastender, als bei angenehmer Atmosphäre bei ihren Müttern im Kinosaal zu bleiben, argumentiert der Leiter des als anspruchsvoll bekannten Programmkinos: "Bei der Filmauswahl wurde darauf geachtet, Filme ohne allzu hektische oder dramatische Elemente in Bild und Ton einzusetzen." Hunderte unterstützende Briefe und E-Mails langten im Votiv Kino ein. Auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien stellte sich hinter das Projekt. Schließlich fand auch die Landespolitik zu einem parteienübergreifenden Konsens, der die Stellungnahme der MA 11 in Sachen Babykino bald Makulatur werden lässt.

"Anachronistische und unlogische Scheingründe" witterten die Grünen. "Das Argument der ,Reizüberflutung' entspricht nicht den heutigen Lebensbedingungen", erklärt Kultursprecherin Marie Ringler. Das Argument, dass die Kinder im Kino ihre Eltern "aufgeregt, angespannt, traurig" erlebten, irritiert sie besonders: "Hier verliert die Argumentation völlig den Bezug zur Realität. Dass Kinder ihre Eltern in emotional angespannten Situationen erleben, ist ein vollkommen normaler Bestandteil ihres Lebens."

Auch für die övp ist die Entscheidung der MA 11 "völlig lebensfremd". Jugendsprecher Wolfgang Aigner: "Warum ein Kino ein Ort sein soll, an den man mit Kleinkindern nicht gehen soll, erscheint schleierhaft. Kein Gesetz hindert Eltern daran, mit Kleinkindern in verrauchte Lokale zu gehen. Im Kino herrschen hingegen ganz andere Rahmenbedingungen." Die övp sieht folglich Änderungsbedarf beim Jugendschutz- und beim Kinogesetz.

...-rote Babykino-Allianz

Schließlich schloss sich auch die in Wien regierende spö den Babykino-Verteidigern an: "Das Babykino ist eine sinnvolle Einrichtung, für die es auch internationale Vergleiche gibt. Wenn das zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist, dann werden wir das Gesetz ändern und nicht die Bedürfnisse der Menschen", bekannte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny letzten Freitag bei einer Pressekonferenz und kündigte eine entsprechende Novelle zum Wiener Kinogesetz an, die noch im Juni im Wiener Landtag beschlossen werden solle.

Dann könnte das Babykino im Votiv Kino wieder seinen Betrieb aufnehmen.

INFORMATIONEN, WIE'S WEITERGEHT:

www.votivkino.at

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