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Säugen mit Musik

Ein magisches Märchen - nicht nur für Ethnofans: "Die Geschichte vom weinenden Kamel".

Geradlinig und poetisch nähern sich die Mongolin Byambasuren Davaa und der Italiener Luigi Falorni mit "Die Geschichte vom weinenden Kamel" dem Wesen der Liebe und des Lebens. Als Kind hatte Davaa ein weinendes Kamel gesehen, dieses Elementarereignis schildert der Streifen, ohne eine Sekunde in falsches Pathos zu kippen. Die sensible, dem langsamen Lebensrhythmus der Nomaden angepasste, semidokumentarische Arbeit wirkt durchgehend authentisch.

Mit ihrem Abschlussfilm an der Filmhochschule München glückte den beiden ein Meisterstück, das in die entrückte Welt der südmongolischen Wüste Gobi entführt. Hier leben Hirtennomaden mit ihren Tieren im Einklang mit der Natur. Mit Demut und Respekt begegnen sie den Geistern und der Schöpfung. Geburt ist hier noch ein von allen mit Anteilnahme verfolgtes Ereignis.

Zwei Tage muss sich eine erstgebärende Kamelkuh mit den Wehen quälen, erst mit Hilfe des weisen Urgroßvaters kann ihr schwaches Kleines das Licht der Welt erblicken. Mit großer Sorge registrieren die Nomaden, wie die Mutter ihr weißes Fohlen auf stacksigen Beinchen bei allen Saugversuchen ablehnt. Weder das Zusammenbinden ihrer Füße, noch das Tränken mit der Flasche bringen eine Lösung.

Hier kann nur ein uraltes Ritual helfen. Klänge und Schwingungen einer Geige sollen die Kamelkuh zum Weinen bringen und ihr Herz fürs Fohlen erweichen. Um dieses Wunder zu erwirken, machen sich der kleine, gewitzte Ugna und sein größerer Bruder Dude auf den weiten Wüstenritt ins städtische Aimak-Zentrum, wo erste Vorboten der Zivilisation wie Fernseher die Gefährdung der intakten nomadischen Lebensweise zeigen.

"Die Geschichte vom weinenden Kamel", die beim Filmfest Toronto 2003 für Furore sorgte und als "Bester fremdsprachier Film" von der Mongolei ins Oscar-Rennen geschickt wurde, vermittelt die Güte und Weiheit einer archaischen Welt. Sie rührt unmittelbar ans Herz.

Die Geschichte vom weinenden Kamel

Deutschland 2003. Regie: Byambasuren Davaa, Luigi falorni: Mit Janchiv Ayurzana, Chimed Ohin, Amgaabazar Gonson. Verleih: Polyfilm. 90 Min.

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