Wildschwein - © Foto: iStock/JMrocek

Nähe trotz Corona? Das wilde Schwein und die Pestilenz

1945 1960 1980 2000 2020

Das Wildschwein liebt die Gemeinschaft der Gruppe. Das Schweinepest-Virus nutzt diese Konvivialität und tötet die Schweine. Was wäre daraus wohl abzuleiten?

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Das Wildschwein liebt die Gemeinschaft der Gruppe. Das Schweinepest-Virus nutzt diese Konvivialität und tötet die Schweine. Was wäre daraus wohl abzuleiten?

Wir haben es in den vergangenen Kolumnen schon des Öfteren mit Tiergesellschaften zu tun bekommen, die uns in zum Teil fragwürdigen Eigenschaften ähneln. Man erinnere sich nur an die Sammelwut des Hamsters oder die Gerüchteküche der Krähen. Derart nahe sind uns die Wildschweine nicht. Ihr Sozial­leben funktioniert noch durch Geschlechtertrennung. Ausschließlich Weibchen und Junge bilden eine Rotte. Die Eber hingegen formieren sich nur in früher Jugend als Gruppe. Aber sobald es um die Weibchen geht, sind sie einander spinnefeind – und ein jeder seines Waldglücks Schmied. Sie sind auch bei den Bachen abseits ihrer Befruchtungsfunktion nicht wohlgelitten –und werden vertrieben.

Im Winter freilich, also gerade dieser Tage, halten die Borstenschweine eisern zusammen. Man übt sich in gemeinsamer Futtersuche, Unterstandsbereitung etc. Im Jägerlatein nennt man diese familiäre Zeit „Rauschzeit“, was Rückschlüsse zulässt, freilich nicht bezüglich der Schweine.

Wie unter Menschen also übt man sich unter wilden Schweinen in besonders harten Zeiten in Solidarität und gegenseitigem Nutzen. Das geht bis zum Wärmehaushalt in kalten Nächten, in denen die Tiere Rücken an Rücken beieinander schlafen. Es lebt sich dann im Wald wohl wie in Ivan Illichs joyful austerity. Arm, aber glücklich und im Ganzen genial convivial. Man könnte diese Art des Zusammenlebens für vorbildlich halten und auch in menschlichen Gesellschaften zum Maßstab der Sittlichkeit erheben. Wie bei den wilden Schweinen wäre ein Fehlen der Konvivialität dann ein Verstoß gegen die Natur.

Nun ist es leider nicht ganz so einfach, jedenfalls nicht unter den Waldschweinen. Derzeit etwa grassiert die Afrikanische Schweinepest in den europäischen Populationen. Es ist eine Viruserkrankung, deren hochansteckender Erreger sich die schweinische Nähe zunutze macht, um sich zu verbreiten. Es nützt also die Konvivialität zu seinem Vorteil – und macht Mortalität daraus.

Ein kleiner Exkurs: In mittelalterlichen Zeiten drängten sich die Menschen in Angst vor der Pest in Gottesdiensten zusammen, in einer Dichte, wie wir sie heute nur noch vor den Skiliften finden. Diese Gottesdienste waren hervorragende Übertragungsorte für die Schwarze Pest.

Das Gemeinsame war damals also plötzlich nicht nur gar nicht nützlich, es war geradezu rücksichtslos gefährlich und für viele tödlich. Auch heute wird fehlendes Zusammensein heftigst beklagt. Doch gilt hier wie zu Pestilenzens-Zeiten, dass Konvivialität das Leben arg verkürzen kann. Immerhin genießen Menschen ungleich Wildschweinen den Vorzug, die Risiken abwägen und sich Konvivialität für Postcoronazeiten aufsparen zu können. Ein geradezu „unwahrschweinlicher“ Vorteil, wenn man ihn denn nutzen würde.

Wir haben es in den vergangenen Kolumnen schon des Öfteren mit Tiergesellschaften zu tun bekommen, die uns in zum Teil fragwürdigen Eigenschaften ähneln. Man erinnere sich nur an die Sammelwut des Hamsters oder die Gerüchteküche der Krähen. Derart nahe sind uns die Wildschweine nicht. Ihr Sozial­leben funktioniert noch durch Geschlechtertrennung. Ausschließlich Weibchen und Junge bilden eine Rotte. Die Eber hingegen formieren sich nur in früher Jugend als Gruppe. Aber sobald es um die Weibchen geht, sind sie einander spinnefeind – und ein jeder seines Waldglücks Schmied. Sie sind auch bei den Bachen abseits ihrer Befruchtungsfunktion nicht wohlgelitten –und werden vertrieben.

Im Winter freilich, also gerade dieser Tage, halten die Borstenschweine eisern zusammen. Man übt sich in gemeinsamer Futtersuche, Unterstandsbereitung etc. Im Jägerlatein nennt man diese familiäre Zeit „Rauschzeit“, was Rückschlüsse zulässt, freilich nicht bezüglich der Schweine.

Wie unter Menschen also übt man sich unter wilden Schweinen in besonders harten Zeiten in Solidarität und gegenseitigem Nutzen. Das geht bis zum Wärmehaushalt in kalten Nächten, in denen die Tiere Rücken an Rücken beieinander schlafen. Es lebt sich dann im Wald wohl wie in Ivan Illichs joyful austerity. Arm, aber glücklich und im Ganzen genial convivial. Man könnte diese Art des Zusammenlebens für vorbildlich halten und auch in menschlichen Gesellschaften zum Maßstab der Sittlichkeit erheben. Wie bei den wilden Schweinen wäre ein Fehlen der Konvivialität dann ein Verstoß gegen die Natur.

Nun ist es leider nicht ganz so einfach, jedenfalls nicht unter den Waldschweinen. Derzeit etwa grassiert die Afrikanische Schweinepest in den europäischen Populationen. Es ist eine Viruserkrankung, deren hochansteckender Erreger sich die schweinische Nähe zunutze macht, um sich zu verbreiten. Es nützt also die Konvivialität zu seinem Vorteil – und macht Mortalität daraus.

Ein kleiner Exkurs: In mittelalterlichen Zeiten drängten sich die Menschen in Angst vor der Pest in Gottesdiensten zusammen, in einer Dichte, wie wir sie heute nur noch vor den Skiliften finden. Diese Gottesdienste waren hervorragende Übertragungsorte für die Schwarze Pest.

Das Gemeinsame war damals also plötzlich nicht nur gar nicht nützlich, es war geradezu rücksichtslos gefährlich und für viele tödlich. Auch heute wird fehlendes Zusammensein heftigst beklagt. Doch gilt hier wie zu Pestilenzens-Zeiten, dass Konvivialität das Leben arg verkürzen kann. Immerhin genießen Menschen ungleich Wildschweinen den Vorzug, die Risiken abwägen und sich Konvivialität für Postcoronazeiten aufsparen zu können. Ein geradezu „unwahrschweinlicher“ Vorteil, wenn man ihn denn nutzen würde.

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