Federspiel

Das Nashorn

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Sonne war unbarmherzig, die Haut braun, von der Hitze gebacken. Ein Lüftchen lockte auf die Gasse. Passanten trugen leichte Kleidung. Echte Oligarchinnen liefen in hochhackigen Sandalen herum. Zahlreiche Menschen zeigten Tattoos und immer mehr. Sie trampelten durch die Gebäudeschatten. Wasserstaub machte die teure Gasse zur Oase. Da erschien ein Typ, ein Mann der Werte. Der Passant kam mit kniekurzen Hosen daher und bloßgelegten Waden.

Nackte Männerwaden im Stadtkern können etwas Betrübliches haben. Sie zeugen von verlorener Eleganz. Prall wie Ballone behaart oder glatt. Sie wurden über die Steinplatten gehoben und in plumpen Schuhen Schritt für Schritt aufgesetzt. Wo sie hintraten, regte sich kein Staubkorn, kein Wassertropfen mehr. Oligarch und Oligarchin sahen auf und diesem Nashorn hinterher. Das chinesisch und russisch sprechende Verkaufspersonal starrte nach. In der Gasse gab es lauter fremde Reiche, aber dieser fremde, hemdsärmellose, mit Waden protzende Kurzhaartyp gerierte sich, als gehöre alles ihm. Sein Begleiter war ein Bullterrier, mit Gebiss auf Schritthöhe des Herrn. Auf kürzeren Beinen blieb er auf Befehl bei Fuß. Die Menge teilte sich furchtsam. Sie trennten sogar Paare. Das Ungetüm und sein ergebener Hund ernteten Kopfschütteln.

Der Blick ihnen hinterher brachte erst das Schaudern. Auf jeder Wade prangte ein Hakenkreuz. Was will ein Träger dieses Tattoos sagen? Sein Körper ist Medium nazistischer Propaganda. Oder macht seine Haltung, die man nicht sehen kann, die Hakenkreuze zur Warnung vor der vernichtenden Ideologie?

Wie reagieren? Im Land der verbotenen Wiederbetätigung? Ihm das Tattoo herausschneiden? Eine lange Hose kaufen und einen Maulkorb für den Hund besorgen? Wegschauen? Sich fragen, ob die Swastika nur ein Sonnenrad ist? Good Luck für die neue Klientel kommender Inder? Jetzt überlegen Sie, was passiert, wenn Sie die Polizei anrufen.

Die Autorin ist Schriftstellerin

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