Federspiel

Kleist mit Herz und Zunge

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt Theatererlebnisse, die man nicht mehr ­vergisst. Deren Luxus gerade in ­ihrer totalen Reduktion besteht. Luxus zum Beispiel ist, sich von Anne Bennent die komplette „Penthe­silea“ vorlesen zu lassen. ­Obwohl – vorlesen kann man das nicht nennen: Es ist ein Deklamieren und Posaunen, ein Schreien und Schmeicheln, Höhnen und Tändeln, ein Durchdenken und Durch­kosten der Kleist’schen Sätze in ihrer gnadenlosen Schärfe und Konsequenz.
Nach und nach erhalten alle ­Charaktere ­ihre eigene Stimme, werden die wilden ­Szenen plastisch, wird das Lesen zum Spielen. Anne Bennent sitzt auf einem orangen Plastiksessel, steht auf, setzt sich auf ­einen anderen, in der Hand ein zerfleddertes ­Reclamheft, in dem nahezu alles gelb markiert scheint.
Karl Ritter an der Gitarre ­begleitet und kommentiert das Geschehen bald subtil, bald gewitterhaft explosiv. Von Zeit zu Zeit ein unheilvolles Dröhnen, als Generalbass das Anlaufen und Verebben eines Kühl­aggregats.
Denn das Blut der Amazonen, das Blut des von ihrer Königin schrecklich geliebten Achill wird vergossen im Schlachthaus Geitzenauer in Litschau, in den Blutrinnen Rosenblüten, an einem Fleischerhaken eine Strick-Skulptur aus Brüsten von Hermine Ritter, keine Requisiten, kein Bühnenbild. In der Pause gibt es Innereien, Zunge und Herz.
„Hin & Weg“ heißt das flächendeckend pulsierende Theaterfestival in Litschau, aber wer könnte hier weg und hin zu einem der vielen anderen Schauplätze? Am Ende erklärt Penthesilea, aus ihrem kannibalischen Rausch erwacht: „So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen.“ Kein Versehen: Von Anne Bennent bekommen ­alle, die bis zum Schluss ausgeharrt haben, ­einen Kuss, denn das hat sie am Anfang versprochen. Und ziehen so von dannen, doppelt belohnt.

Es gibt Theatererlebnisse, die man nicht mehr ­vergisst. Deren Luxus gerade in ­ihrer totalen Reduktion besteht. Luxus zum Beispiel ist, sich von Anne Bennent die komplette „Penthe­silea“ vorlesen zu lassen. ­Obwohl – vorlesen kann man das nicht nennen: Es ist ein Deklamieren und Posaunen, ein Schreien und Schmeicheln, Höhnen und Tändeln, ein Durchdenken und Durch­kosten der Kleist’schen Sätze in ihrer gnadenlosen Schärfe und Konsequenz.
Nach und nach erhalten alle ­Charaktere ­ihre eigene Stimme, werden die wilden ­Szenen plastisch, wird das Lesen zum Spielen. Anne Bennent sitzt auf einem orangen Plastiksessel, steht auf, setzt sich auf ­einen anderen, in der Hand ein zerfleddertes ­Reclamheft, in dem nahezu alles gelb markiert scheint.
Karl Ritter an der Gitarre ­begleitet und kommentiert das Geschehen bald subtil, bald gewitterhaft explosiv. Von Zeit zu Zeit ein unheilvolles Dröhnen, als Generalbass das Anlaufen und Verebben eines Kühl­aggregats.
Denn das Blut der Amazonen, das Blut des von ihrer Königin schrecklich geliebten Achill wird vergossen im Schlachthaus Geitzenauer in Litschau, in den Blutrinnen Rosenblüten, an einem Fleischerhaken eine Strick-Skulptur aus Brüsten von Hermine Ritter, keine Requisiten, kein Bühnenbild. In der Pause gibt es Innereien, Zunge und Herz.
„Hin & Weg“ heißt das flächendeckend pulsierende Theaterfestival in Litschau, aber wer könnte hier weg und hin zu einem der vielen anderen Schauplätze? Am Ende erklärt Penthesilea, aus ihrem kannibalischen Rausch erwacht: „So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen.“ Kein Versehen: Von Anne Bennent bekommen ­alle, die bis zum Schluss ausgeharrt haben, ­einen Kuss, denn das hat sie am Anfang versprochen. Und ziehen so von dannen, doppelt belohnt.