Glaubensfrage

Die Steinigung des Teufels

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

In wenigen Tagen beginnt für Muslime die Zeit der Pilgerfahrt, deren Zielort wie jedes Jahr Mekka ist. Neben der siebenmaligen Umrundung der Ka’ba (des großen schwarzen würfelförmige Gebäudes) und den sieben Malen Hin- und Hergehen zwischen den Hügeln Assafa und al-Marwa, existiert ein Ritual, das etwas irritierend klingen mag: Es handelt sich um die symbolische Steinigung des Teufels an den drei letzten Tagen der Pilgerfahrt in Form der Steinigung einer Betonsäule. Dies geschieht mit sieben kleinen Steinen täglich, insgesamt werfen die Pilger somit 21 Steine. Während manche diesen Akt sehr plastisch verstehen und überzeugt sind, sie könnten den Teufel direkt physisch mit ihren Steinen und Flüchen erreichen, steht dieser Akt jedoch rein symbolisch für den Sieg über die negative innere Stimme in einem, aber auch für die Überwindung von jeglichen negativen Gefühlen wie Hass oder Neid, vor allem seinen Feinden gegenüber. Ein Freund von mir erzählte mir, dass er vor seiner Pilgerfahrt eine Liste von 21 Dingen angefertigt habe, die er überwinden wollte. Jeder Stein stand symbolisch für eines davon. Darunter war, seinem ehemaligen Geschäftspartner, der ihn um viel Geld betrogen hat, zu vergeben, aber auch sein Wunsch, einige überflüssige Kilos sowie jeglichen Hass in seinem Herzen, jegliche Gefühle der Überlegenheit, des Hochmuts, der Unfehlbarkeit usw. loszuwerden. Er erzählte mir, wie ausgeglichen er sich danach gefühlt habe, denn für ihn war gerade dieser Akt des Werfens der Steine am Ende der Pilgerfahrt ein Akt der Versöhnung mit sich selbst, seiner Vergangenheit, seinen Mitmenschen, seinen Feinden, auch mit der gesamten Schöpfung.
Religiöse Rituale tragen viel Symbolkraft in sich, die zur Entfaltung von Spiritualität beitragen kann. Liest man diese Rituale aber als reine Pflichterfüllung, ohne die darin enthaltene Symbolik zu entschlüsseln, gerät deren spirituelle Kraft in den Hintergrund.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster

In wenigen Tagen beginnt für Muslime die Zeit der Pilgerfahrt, deren Zielort wie jedes Jahr Mekka ist. Neben der siebenmaligen Umrundung der Ka’ba (des großen schwarzen würfelförmige Gebäudes) und den sieben Malen Hin- und Hergehen zwischen den Hügeln Assafa und al-Marwa, existiert ein Ritual, das etwas irritierend klingen mag: Es handelt sich um die symbolische Steinigung des Teufels an den drei letzten Tagen der Pilgerfahrt in Form der Steinigung einer Betonsäule. Dies geschieht mit sieben kleinen Steinen täglich, insgesamt werfen die Pilger somit 21 Steine. Während manche diesen Akt sehr plastisch verstehen und überzeugt sind, sie könnten den Teufel direkt physisch mit ihren Steinen und Flüchen erreichen, steht dieser Akt jedoch rein symbolisch für den Sieg über die negative innere Stimme in einem, aber auch für die Überwindung von jeglichen negativen Gefühlen wie Hass oder Neid, vor allem seinen Feinden gegenüber. Ein Freund von mir erzählte mir, dass er vor seiner Pilgerfahrt eine Liste von 21 Dingen angefertigt habe, die er überwinden wollte. Jeder Stein stand symbolisch für eines davon. Darunter war, seinem ehemaligen Geschäftspartner, der ihn um viel Geld betrogen hat, zu vergeben, aber auch sein Wunsch, einige überflüssige Kilos sowie jeglichen Hass in seinem Herzen, jegliche Gefühle der Überlegenheit, des Hochmuts, der Unfehlbarkeit usw. loszuwerden. Er erzählte mir, wie ausgeglichen er sich danach gefühlt habe, denn für ihn war gerade dieser Akt des Werfens der Steine am Ende der Pilgerfahrt ein Akt der Versöhnung mit sich selbst, seiner Vergangenheit, seinen Mitmenschen, seinen Feinden, auch mit der gesamten Schöpfung.
Religiöse Rituale tragen viel Symbolkraft in sich, die zur Entfaltung von Spiritualität beitragen kann. Liest man diese Rituale aber als reine Pflichterfüllung, ohne die darin enthaltene Symbolik zu entschlüsseln, gerät deren spirituelle Kraft in den Hintergrund.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster