Winter und Pandemie lassen dieser Tage nur selten Frühlingsgefühle aufkommen. Doch Juden in aller Welt haben Ende Januar das langsame Erwachen der Natur gefeiert: „Tu Bischwat“, Hebräisch für „15. Tag des Monats Schwat“ im jüdischen Kalender, heißt auch das „Neujahrfest der Bäume“, von denen in Israel die Frühblüher langsam aus dem Winterschlaf erwachen. Zur Feier dieses Neubeginns werden traditionell Früchte solcher Bäume gegessen wie Feigen, Granatäpfel und Datteln, aber auch Oliven. Es gibt zahlreiche Auslegungen dieses Feiertags, die durch ein Motiv verbunden sind: Der Mensch kann diesen Feiertag nutzen, um einen Beitrag zur Wiederherstellung einer gebrochenen göttlichen Ordnung zu leisten. Jüdische Mystiker verweisen auf den Segensspruch, mit dem Gott als Schöpfer der Früchte gedankt wird. Wer die Früchte in diesem Geist isst, macht ein klein wenig den Verstoß von Adam und Eva ungeschehen, die gegen die göttliche Weisung vom Baum des Lebens aßen. Für viele moderne Juden ist der Feiertag eine Erinnerung an die Verantwortung für Natur und Umwelt. Vor Kurzem schlug ein Rabbiner vor, aus „Tu Bischwat“ ab sofort „Alef Bischwat“ zu machen, also den Feiertag auf den ersten Tag des Monats Schwat zu verlegen, da der Klimawandel den Winter verkürzt und die ersten Blüten früher erscheinen. Da der Feiertag nicht aus göttlicher Offenbarung in der Bibel stamme, sondern auf spätere Interpreten zurückgeht, könnten Menschen ihn der Zeit anpassen. Mystiker und Klimaschützer haben oft nicht viel mehr gemeinsam als den Glauben an ein Gleichgewicht von Kräften, das der Mensch nicht aus Hybris und Egoismus zu seinem Nutzen verändern sollte. Das jüdische Neujahrsfest der Bäume erinnert uns daran – auch wenn in Mitteleuropa und Nordamerika der Frühling noch ein Stück entfernt scheint.

Der Autor forscht zu Jewish Studies an der University of Pennsylvania, Philadelphia/USA.

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