Klartext

Corona-Pandemie: Paradigmenwechsel

1945 1960 1980 2000 2020

Das herrschende Paradigma geht vom Individuum aus. Das Kollektiv ist ihm immer unterlegen und sollte nach Möglichkeit im Sinne des Individuums neu definiert werden.

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Das herrschende Paradigma geht vom Individuum aus. Das Kollektiv ist ihm immer unterlegen und sollte nach Möglichkeit im Sinne des Individuums neu definiert werden.

Das Sars­-CoV­2-­Virus hat eine Krise verursacht, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Während der relativ stabilen Dekaden hatte sich ein ökonomisches Paradigma durchgesetzt, welches nur für Schönwetterlagen geeignet ist. Demnach sind keine Waren oder Dienstleistungen wichtiger als andere, und deshalb können alle auf Märkten mit ähnlichen Regeln gehandelt werden.

Mit Beginn der Covid­19­-Krise wurde klar, dass Lebensmittel, medizinische Schutzausrüstung, Hygieneartikel und Postdienste wichtiger waren als anderes. Plötzlich war auch Thema, in welchem Ausmaß Österreich sich mit Lebensmitteln selbst versorgen könne. Zudem geht das herrschende Paradigma vom Individuum aus. Das Kollektiv ist ihm immer unterlegen und sollte nach Möglichkeit im Sinne des Individuums neu definiert werden. Friedrich August Hayek schrieb 1944 in „Der Weg zur Knechtschaft“, dass die Planung der Regierung das Individuum zermalmt und unweigerlich zu totalitärer Kontrolle führt.

Während man etwa in China schon aufpassen muss, wie sich die überbordende Datensammlung im Dienste der Bewältigung der Gesundheitskrise entwickelt, zeigte sich generell, dass in der Krisenbewältigung Kooperation, Solidarität und staatliches Handeln notwendig sind. Schließlich sieht das herrschende Paradigma in finanziellen Transaktionen die wertvollste Art der wirtschaftlichen Tätigkeit. In der Krise wird aber klarer als sonst, wie der Finanzsektor von der realen Wirtschaft abhängig ist und die Finanzströme in der Gesellschaft zuträgliche Bahnen gelenkt werden sollen. Krisenbewältigung von Covid­19 wie Klima kann durch diese Paradigmenwechsel gelingen. Doch es gibt auch Unterschiede: Um die Klimakrise abzuwenden, ist Nutzung von Öffis statt Autos angesagt. Radfahren geht immer.

Die Autorin ist Professorin für Umweltökonomie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien.