Klartext

Corona: Virus-Erzählungen

1945 1960 1980 2000 2020

Über eigenartige Formen des Storytelling in Coronazeiten.

1945 1960 1980 2000 2020

Über eigenartige Formen des Storytelling in Coronazeiten.

Man kann Güter und Dienste in einer reichen Gesellschaft nur verkaufen, indem man eine Story erzählt. Auf diese Weise hat sich alles mit „Bedeutung“ aufgeladen, teilweise haben sich skurrile Ersatzreligionen entwickelt. Die Welt besteht aus Geschichten.

Corona lässt neue Stories, manchmal Bekenntniscluster entstehen. Heimat wird für jene,
denen sie früher beinahe eine faschistische Kategorie schien, zur intellektuell-romantischen
„Tiefe“: Kuh, Fitness und Ökokorrektheit sind im Paket zu haben. Gegen Stoff vor dem Mund wird von manchen, die von ihr keine Ahnung haben, die abendländische Menschenrechtsgeschichte aufgeboten. Jene Verzweifelten, denen außer nächtlichem Saufen nichts einfällt, was sie tun könnten, entdecken gar die Gasthausöffnung als grundlegendes Freiheitsrecht.

Viele fühlen sich aber auch ein in die Attraktivität von Langsamkeit, Häuslichkeit, Biedermeierhaftigkeit: Es dämmert, was alles überflüssig gewesen sein könnte. Natürlich müssen die Überflüssigkeitsverkäufer jeden solchen Gedanken schärfstens dementieren. Die Altmännlichen trommeln sich auf die Brust, um das Virus zu beeindrucken; unlogischerweise gleichzeitig mit dem Befund, dass es Viren gar nicht gebe. Verbreitet ist die Story, dass demnächst die Normalität wiederkehrt – was nun wirkliche eine illusionäre Erzählung darstellt.

Es gibt auch eine deprimierende Ecke: Es sind nicht so wenige, die (auf unterschiedlichen intellektuellen Niveaus) ihre Stories nur aus einem Sumpf von Hass, Bösartigkeit und Niedertracht emporwachsen lassen. Da lobe ich mir jenen Masken-Alltagspragmatismus, den viele „Normalmenschen“ zum Ausdruck bringen: Das sei eine ungute Sache, lästig; müsse man halt vernünftigerweise machen.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.