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Klartext

Post-Corona: Grassierende Asozialität

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der Coronakrise: Die Träume von nachhaltiger Solidarität sind schnell zerplatzt.

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Nach der Coronakrise: Die Träume von nachhaltiger Solidarität sind schnell zerplatzt.

Krisen machen Verhältnisse kenntlich. Dies gilt auch für die Beschaffenheit eines Kollektivbewusstseins, für Kohäsion und Solidarität in einer Gesellschaft. Am Beginn der Coronakrise schien die Sachlage vielversprechend: Einkaufen für die Nachbarn, Musik auf dem Balkon, interaktive Sorgsamkeit. Nach ein paar Wochen wurde die auf Distanz gelebte Solidarität freilich unbequem, langweilig und frustrierend. Die Phase der ersten Lockerungen wurde für das eigene Verhalten so zurechtinterpretiert, als wäre „alte“ Normalität eingekehrt. Eigentlich war nix. Und es ist nix. Und es wird nix sein. Man kann wieder. Es ist das Paradoxon des Erfolges: Logarithmische Kurven gibt es gar nicht.

Im Rückblick stehen verhinderte Militärlastwagen gegen die aktuelle Arbeitslosenstatistik. Vermiedene Massengräber gegen gefährdete ­Einkaufsstätten. Die Wirklichkeit ist stärker als die Möglichkeit. Man hat „Anrecht“ auf Normalität. Das weiß bloß das Virus nicht. Aber bei einer festen Normalitätseinbildung kann man auch die mühsam gewordene Solidarität suspendieren.

Masken sind ein Indikator: Sie schützen ja weniger jenen, der sich gegenüber dem Virus mutig (also kindisch) auf die Brust hämmert, sondern vor allem die anderen. Maskenverweigerung ist deshalb nicht die ignorante Botschaft: Mir kann nichts geschehen, ich will „tun“ können. Es ist vielmehr die asoziale Botschaft: Mir sind die anderen wurscht. Meine Freiheiten, und vor allem die mickrigen Endlich-wieder-einkaufen-Freiheiten, ohne Lästigkeiten und Behinderungen, stehen voran. Was wir erleben, ist ein hoher Asozialitätspegel. Die Träume von einer bleibenden Solidaritätserfahrung verräumen wir lieber schnell wieder.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.