Rollentausch als Nagelprobe

1945 1960 1980 2000 2020

Wolfgang Mazal über das Bewusstsein alleiniger Rechtgläubigkeit.

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Wolfgang Mazal über das Bewusstsein alleiniger Rechtgläubigkeit.

Nur wenige Wochen hat die Einigkeit im Team Österreich gehalten – mittlerweile zeigen die Töne im Parlament, in den Foren der meisten Tageszeitungen und auf Social Media ein Auseinanderdriften gesellschaftlicher Kräfte: Entgleisungen in der Kommunikation sowie Skandalisierungen schreiten voran; Verhöhnung und Herabsetzung wurden unter dem Label „Satire“ salonfähig.

Gesamtgesellschaftlich konsensuale ­Themen scheinen in unserem Land immer weniger zu werden: Die grundlegende Ausgestaltung der Staatsfinanzen, die Rolle von Polizei und Bundesheer, die Bedeutung von Meinungsfreiheit und die Frage, wie weit Gesundheitsschutz die parlamentarisch legitimierte befristete Einschränkung von Grundrechten zulässt oder gar erfordert, bieten dafür aktuelles Anschauungsmaterial.

Noch stehen die aus der Gesundheitskrise resultierenden verteilungspolitischen Fragen gar nicht im Zentrum der öffent­lichen Auseinandersetzung: Welche gesellschaftlich-klimatischen Verwerfungen da noch entstehen werden, ist unschwer vorstellbar! Wie geht Konsens dennoch? Ein Vorschlag: Seit Jahrhunderten empfiehlt die Theorie der Gerechtigkeit in unterschiedlicher Ausprägung den Rollentausch als Nagelprobe zur Überprüfung eigener Sichtweisen. Wer reflektiert, welche argumentative Position er aus der Perspektive anderer Standpunkte einnehmen würde, muss seine eigenen ­Ansätze vielfach relativieren, Extremforderungen zurücknehmen. Gleichzeitig liegt darin die Chance, aufeinander zuzugehen und unterschiedliche thematische Zugänge zu versöhnen. Wer allerdings vom Bewusstsein alleiniger Rechtgläubigkeit beseelt die grundsätzliche Legitimität auch anderer Auffassungen nicht anerkennen kann, leis­tet der Gesellschaft einen Bärendienst.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.

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