Mit Geschichte im Rückspiegel

Die FURCHE-Autoren Thomas Walter Köhler und Christian Mertens haben den Gedanken umgesetzt, der dem einen Leser oder der anderen Leserin dieses Blattes vielleicht ebenfalls öfters gekommen ist: Sie haben FURCHE-Artikel ausgewählt und ein Buch daraus gemacht. Ihre Interviews mit namhaften Expertinnen und Experten der Geschichts- und Politikwissenschaften sowie grenzüberschreitenden Praktikern über den Ersten Weltkrieg und seine Folgen bis heute können damit nicht nur im FURCHE-Navigator auf furche.at, sondern auch in gebundener Form im Sammelband „1914/2014 – 1918/2018“ nachgelesen und nach-gedacht werden. Ganz im Sinne der Autoren, die zentrale Ereignisse der Vergangenheit auch als treibenden Motor und hilfreiche Erklärung für die Gegenwart verstehen.

Wenn die Professorin am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, Kerstin Susanne Jobst, in einem Interview über die Hintergründe und Konsequenzen der Oktoberrevolution in Russland sagt, „dass den Zeitgenossen 1917 selbstverständlich nicht klar war, dass sie sich in einem Scharnierjahr oder an einem Wendepunkt befanden“, so benennt sie einerseits eine Selbstverständlichkeit. Andererseits lässt sie aufhorchen und regt zum Vergleich mit heute an: „Es ist nicht als absolute Zäsur zu sehen, sondern in einer Linearität; es gibt Kontinuitäten.“

Gerade uns Zeitzeugen, die mit meist diffusen Ankündigungen und Ahnungen über heutige Scharnierzeiten konfrontiert sind und in und mit diesen Zeitläuften leben müssen, tun solche Blicke in den Rückspiegel der Geschichte gut. Nicht, weil sie eine konkrete Route für die Zukunft vorgeben. Weil sie zeigen, dass Gegenwart und Zukunft nicht passieren, sondern gemacht und verantwortet werden – durch fatales und fahrlässiges Handeln genauso wie durch mutiges und beherztes Greifen in die Speichen der Geschichte.

Beispiele für das Eine wie das Andere liefert der zweite aktuelle Köhler/Mertens-Band: „Ein Hauch von Welt“. Das Buch zeichnet das Österreich-Werden und Österreicher-Sein nach und plädiert für ein österreichisches Narrativ „nicht der Enge, sondern der Weite: als transnationaler Fensteröffner und Brückenbauer“.

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