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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Urlaubszeit - Reisezeit. In den Abendnachrichten sind die gewohnten Bilder von kilometerlangen Staus auf den Autobahnen zu sehen. Auf Urlaubsinseln wie Mallorca starten und landen die bis auf den letzten Platz ausgebuchten Chartermaschinen im Minutentakt, und das rund um die Uhr bis spät in die Nacht hinein. In einigen Wochen werden wie erfahren, wie die heurige Saison für den österreichischen Tourismus gelaufen ist, nicht zu vergessen der Städtetourismus.

Was treibt die Menschen im Urlaub in die Ferne? Ist es wirklich nur das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung? Dafür bräuchten wir doch nicht Kontinente zu durchqueren und uns bei sengender Sonne in Blechlawinen Richtung Süden zu quälen.

Vor Jahren lief im österreichischen Fernsehen eine Satire mit dem Titel "Dunkles unbekanntes Österreich", in welcher der Massentourismus als eine moderne Form der Wallfahrt interpretiert wurde. Ein schwarzafrikanischer Ethnologe deutete den touristischen Ansturm auf die Alpengipfel oder auch die Teilnahme an Zeltfesten ("Fest des Huhns") als religiöse Zeremonien.

Auch der Schriftsteller David Lodge interpretiert in seinem ebenso vergnüglichen wie geistreichen Roman "Paradise News" - die deutsche Übersetzung trägt den weniger griffigen Titel "Neueste Paradiesnachrichten" - den modernen Massentourismus als Ersatzreligion.

Die Autostaus sind die modernen Exerzitien, das Purgatorium auf der Suche nach dem verlorenen Paradies oder dem unbekannten Gott (Apostelgeschichte 17). Ihnen unterziehen sich die Urlauber, ganz so wie sich die Gläubigen in Fatima auf Knien der Muttergottes nähern. Die säkularen Wallfahrtsheiligtümer heißen Louvre, Guggenheim oder Museumsquartier Wien. Hier wie dort gibt es auch den gleichen Devotionalienhandel: Ein Heferl mit Gustav Klimts "Kuss" statt eines Rosenkranzes aus Lourdes.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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