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Die Erinnerungsbilder der Menschheit verblassen

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Mehr als die Hälfte der seit 1951 produzierten Kinofilme ist für immer verschwunden. Die Ursachen: krankhaftes Profitdenken und die Kurzlebigkeit des Filmmaterials. Die Übertragung auf neue Medien rettet dieses Erbe der Menschheit nicht, warnt Peter Konlechner, Direktor des Österreichischen Filmmuseums.

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Mehr als die Hälfte der seit 1951 produzierten Kinofilme ist für immer verschwunden. Die Ursachen: krankhaftes Profitdenken und die Kurzlebigkeit des Filmmaterials. Die Übertragung auf neue Medien rettet dieses Erbe der Menschheit nicht, warnt Peter Konlechner, Direktor des Österreichischen Filmmuseums.

die furche: Mit der laufenden Schau "Hollywood Legends", mit Filmklassikern wie "Casablanca", will Ihr Österreichisches Filmmuseum auf die Notwendigkeit der Konservierung von Filmen aufmerksam machen. Einer Studie zufolge ist mehr als die Hälfte der seit 1951 produzierten Kinofilme mittlerweile verloren gegangen. Wie können so viele Filme binnen so kurzer Zeit verschwinden?

Peter Konlechner: Durch die Einstellung der Produzenten und Verleiher, die Film nicht als Kulturgut, nicht einmal als Wertobjekt, sondern nur als vergängliches Vehikel betrachten, um schnell Geld zu machen. Bevor das Fernsehen einen großen Filmbedarf hatte, war man der Meinung, dass ein Film nach einer Auswertungszeit von drei bis fünf Jahren wertlos sei. Die großen amerikanischen Firmen haben die Filme daher unter notarieller Aufsicht in so genannten Filmwäschereien vernichten lassen.

die furche: Warum diese mutwillige Zerstörung?

Konlechner: Es ist die Paranoia des Besitzers, dass auch jemand anderer mit seinem Besitz Profit machen könnte. In jedem Verleihvertrag steht, dass die Filme nach dem Ablauf der Auswertungsperiode von fünf Jahren vernichtet werden müssen. Erst durch das Fernsehen haben die Produktionsfirmen verstanden, welche unschätzbaren Wert sie besitzen. Trotzdem werden immer noch ständig Filme vernichtet, statt dass man sie uns - den Filmmuseen und Cinematheken - anvertraut.

Dabei wären sie gut beraten, uns die Filme anzuvertrauen, weil wir ja die Kooperation der Rechteinhaber brauchen, die oft ident sind mit jenen, die sie vernichten. In manchen Ländern gibt es Filmsammler, die Filme zur angeblichen Vernichtung übernehmen - aber denen vertraut man eher als uns. Ich begreife das nicht. Wenn irgendeine Cinemathek einen alten Film im eigenen Kino einmal spielt, das kann das doch niemanden wirklich tangieren. Noch dazu, wo sie bei uns nichts für die fachgerechte Lagerung zahlen müssen.

die furche: Aber die Produktionsfirmen selbst werden sich doch ein paar Exemplare behalten...

Konlechner: Ein Konzernchef hat überhaupt kein Interesse daran, Filme als Filme zu konservieren, der will nur das schnelle Geld machen, ihm ist egal, ob die Filme der Nachwelt erhalten bleiben oder nicht. Die denken, es genügt, den Film vom zu Grunde gehenden Ausgangsmaterial auf ein neues Medium zu überspielen.

Von vielen Filmen gibt es oft nur noch eine einzige bekannte Kopie - und die ist in den Händen eines Sammlers. Für den ist das quasi das Negativ, von dem er Videos oder DVDs (Digital Versatile Disc, ein digitales Videoformat, Anm. d. Red.) herstellt. So jemand ist nicht im Entferntesten bereit, einen Film für eine Schau zur Verfügung zu stellen, andererseits ist er auch nicht daran interessiert, dieses Material zu erhalten, denn er braucht es ja nicht oft. Denn für den Heimnutzer ist es egal, ob eine Kopie vom Original oder von einem Zwischenband gezogen wurde.

die furche: Sie haben die Vergänglichkeit des Filmmaterials schon erwähnt. Wie lange hält denn eine Filmspule?

Konlechner: Bei klimatisierter Lagerung hat ein Film eine relativ lange Lebensdauer: etwa einhundert Jahre. Der so genannte Nitrofilm, der bis in die fünfziger Jahre verwendet wurde, zersetzt sich vom Tag seiner Herstellung an. Außerdem war dieses Filmmaterial höchst brennbar, Nitrofilme neigen bei schlechter Lagerung sogar zu Selbstentzündung und müssen daher gekühlt bei ungefähr zwei Grad Celsius gelagert werden.

Später kamen die so genannten Sicherheitsfilme, von denen man dachte, sie wären sehr langlebig. Dann jedoch entdeckte ein englischer Kollege das Vinegarsyndrom, das sich durch den Geruch von Essigsäure bemerkbar macht. Die Filme verlieren die Formstabilität, man kann sie nicht mehr aufwickeln und natürlich wird auch das Bild angegriffen - eine andere Art Totalschaden. Mittlerweile haben die Archive in aller Welt viele Filme erschnüffelt, die sich langsam empfehlen.

die furche: Warum genügt es zur Erhaltung des Kulturguts Film nicht, die Filme auf Video oder digitale Medien zu überspielen?

Konlechner: Die Leute glauben, dass es damit konserviert ist - aber das ist nicht wahr. Beim Fernsehen hat man lange geglaubt, dass etwas, das auf professionellen Videoformaten gespeichert ist, sicher ist. Doch nach einer gewissen Zeit funktioniert das nicht mehr: Die Bänder entmagnetisieren sich. Am schnellsten entmagnetisieren sich hohe Frequenzen und die Steuercodes, die ein Band erst abspielbar machen, arbeiten mit hoher Frequenz. Diese Impulse zu regenerieren, ist extrem kostspielig und funktioniert nur bedingt. Auch dass CD-Roms nicht ewig halten, weiß jeder, der zu Hause eine hat. Das sind keine Langzeitmedien.

Das schlimmste aber ist: Wenn die Abspielgeräte hin sind, ist alles verloren. In 100 Jahren den Chip eines heutigen Geräts nachzubauen ist allein aus wirtschaftlichen Gründen völlig unmöglich. Viele Museen mit einer Videosammlung haben daher auch schon eine Gerätesammlung ... Aber nach einer Zeichnung, die am Patentamt liegt, kann ein geschickter Mechaniker in 100 Jahren sofort einen Projektor bauen.

die furche: Das ist zweifellos ein Vorteil der Film-Technologie. Aber ist es im Prinzip nicht egal, auf welchem Träger Filme der Nachwelt überliefert werden?

Konlechner: Dieselben Leute, die uns zehn Jahre zuvor noch als technologische Fossilien verhöhnt haben, flehen uns nun an: Bitte, bitte, konserviert so gut ihr könnt auf Film, wir sind noch lange nicht soweit. Ein Film ist ästhetisch derartig fragil, dass man schon beim Umkopieren von Technicolor auf gewöhnliches Farbmaterial ein anderes Resultat erzielt - und das innerhalb derselben Technologie. Die Information, die auf einem Film enthalten ist, übersteigt bei weitem die Größenordnung, die mit den heutigen Computerspeichern bewältigt werden kann. Die Elektronikfreaks sind nicht geschult, zu sehen, was da alles fehlt, die sind schon froh, wenn überhaupt etwas drauf ist.

die furche: Sie meinen also, die wunderbaren Farben des klassischen Hollywood könnten für immer verblassen?

Konlechner: Die Farben sind ein großes Problem. Es gibt weltweit ein einziges Farbverfahren, mit dem sich die Farben so lange halten wie das Trägermaterial: Technicolor. Dieses strengstens geheimgehaltene Verfahren wurde von Kodak vernichtet, weil es sich nicht mehr rentiert hat. Technicolor wurde nur von Kodak hergestellt und vor ungefähr 20 Jahren durch ein neues, billigeres Farbmaterial ersetzt. Das sind auch sehr schöne Farben, aber die Haltbarkeit war Kodak egal. Diese Farben halten auf normalen Kopien drei Jahre, bei klimatisierter Lagerung vielleicht zehn Jahre.

Bei einem Symposion in New York sollten ein original Technicolorfilm und eine parallel laufende moderne Kopie rein technisch miteinander verglichen werden. Alle haben nur den Technicolor-Film angeschaut. Der neue, in dem viel Geld und alles nur erdenkliche Know-how steckte, hat uns einfach nicht gefesselt. Dieses Glück, das man als junger Mensch empfunden hat, wenn man naiv einen Technicolor-Film gesehen hat, lässt sich mit den neuen Farben nicht wiederholen. Dieses Technicolor hat die Menschheit wegen ein paar Groschen pro Meter aufgegeben.

die furche: Im September des Vorjahres haben Sie vor dem drohenden Ruin des Österreichischen Filmmuseums gewarnt. Die Kürzung der Bundesmittel um 13,5 Prozent sei nicht mehr aufzufangen, erklärten Sie. Wie ist es aus heutiger Sicht um die Zukunft des Filmmuseums bestellt?

Konlechner: Dazu kann ich momentan nichts sagen, weil alles im Fluss ist.

Finanziell geht es uns, seit wir gegründet wurden, schlecht. Wir benötigen das Vielfache von dem, was wir haben, um wirklich arbeiten zu können. Ich habe Ihnen die katastrophale Situation geschildert, die weltweit besteht. Es ist ja nicht so, dass wir jemandem was vormachen, damit wir uns unsere Lieblingsfilme kaufen können. Die Konservierung und Restaurierung von Filmen ist eine Notwendigkeit.

Das Gespräch führte Michael Kraßnitzer Zur Person: Bewahrer bewegter Bilder Peter Konlechner ist einer der beiden Direktoren des Österreichischen Filmmuseums. Der studierte Nachrichtentechniker und ehemalige Filmkritiker hat das Filmmuseum 1966 gemeinsam mit Peter Kubelka - dem zweiten Direktor - gegründet. Zielsetzung des Filmmuseums ist es, den "Film als das wichtigste Dokument und die wichtigste Kunstgattung des 20. Jahrhunderts zu erhalten und zu präsentieren".

Der 1936 geborene Konlechner hat am Filmmuseum in der Wiener Albertina zahlreiche Filmretrospektiven gestaltet. Dort hat er auch eine bedeutende Sammlung von mehr als 21.000 Filmdokumenten, klassischen Filmkunstwerken und Avantgardefilmen aufgebaut sowie die größte fachspezifische Bibliothek Österreichs mit gegenwärtig mehr als 13.000 Bänden und tausenden Zeitschriften angelegt. Seit mehreren Jahren ist der Vater eines Sohnes Mitglied der "Preservation Commission" der Federation Internationale des Archives du Film (FIAF), der Dachorganisation von weltweit über 100 Institutionen, die sich der Erhaltung von Filmen widmen.

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