Ein Dienst an der Einheit

Wie kann das katholische Weihepriestertum jenseits seiner bisherigen machtgestützten Form seine Aufgabe erfüllen?

1. Selbstverständlich ist für das Wirken der Priester nicht nur das Selbstverständnis, sondern auch seine Außenwahrnehmung bestimmend. Wo sie auseinander klaffen, kommt es zu Konflikten.

2. Das sachliche Hauptproblem ist m. E. heute, dass es in unseren Breiten an einem theologischen (!) Selbstverständnis (und Selbstbewusstsein!) in der Kirche mangelt und in der Folge auch am Verständnis des Priestertums. Wozu gibt es die Kirche? Worin besteht ihre spezifische Sendung? Antworten auf diese Frage ergeben oft kein klares Bild mehr.

3. Dazu kommt, dass eine Kirche unter gesellschaftlichen Druck tendenziell in Gefahr ist, sich nicht nur pastoral auf die Gesellschaft auszurichten (was unverzichtbar ist), sondern sich übermäßig von den Funktionen her zu definieren, die ihr von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Will die Kirche selbstbewusst in der Gesellschaft leben, kann sie auf die Klärung ihres Selbstverständnisses nicht verzichten.

4. Das II. Vatikanische Konzil hat einen Kristallisationspunkt des kirchlichen Selbstverständnisses vorgelegt: Aufgabe der Kirche ist es, in der Gesellschaft Sakrament des Heiles zu sein. Und: Die Kirche soll Zeichen und Werkzeug der Einheit mit Gott und der Einheit der Menschen untereinander sein. Diese doppelte Einheit soll an ihr also sichtbar und durch ihr Wirken gefördert werden.

5. Diese Bestimmung der Kirche und ihres Auftrags, kann auch als Angelpunkt für jene Bemühungen dienen, dem Weihepriestertum in der Kirche heute seinen Ort anzuweisen, so dass das Wirken der Priester für das Volk Gottes und für sie selbst zum Segen wird.

Nicht nur sachliche, auch psychologisch e Probleme

6. Ein kleiner Zwischenschritt: Was das Weihepriestertum betrifft, gibt es nicht nur sachliche, sondern auch psychologische Probleme - auf allen Seiten. Eine Lösung wird sich daher nur erreichen lassen, wenn diese psychologischen Probleme in den Blick gerückt werden. Hier verstellen oft Schlagworte den Weg, so dass Ängste und Blockaden auf beiden Seiten weder wahrgenommen noch zugegeben werden können - die Erfahrung mangelnder Wertschätzung; die Angst, überflüssig zu sein; die Erfahrung, nicht gehört zu werden; ja: die Angst, Gott zu verlieren usw. Auch dafür erweist sich das Stichwort "Einheit“ als hilfreich.

7. Denn Kirche als Sakrament der Einheit bedeutet: Buchstäblich vor allem ist in der Kirche Sorge zu tragen für wertschätzende Beziehungen und Kommunikation, in denen die gleiche Würde aller Getauften zum Ausdruck kommt. Wo es solche Beziehungen gibt, ist es leichter, sich des Selbstverständnisses der Kirche und auch des Weihepriestertums zu vergewissern, ohne den Verdacht, es gehe dabei doch nur um Macht und Gruppeninteressen. Es ist leicht, diese nicht zu verleugnen, und damit so umzugehen, wie es dem Evangelium entspricht.

8. Nicht zuletzt ist der priesterliche Dienst Dienst der Einheit. Das bedeutet theologisch(!): Dem Priester wird die Aufgabe zugesprochen, wirksam auf Jesus Christus, den gegenwärtigen Herrn der Kirche, zu verweisen, der durch sein Wirken, seinen Tod und seine Auferstehung die Einheit zwischen Gott und den Menschen und unter den Menschen gestiftet hat. Wo er von der Feier der Sakramente bis in die Gesten der alltäglichen Arbeit dieser Einheit dient, und wo man ihm diesen Dienst zugesteht, da wächst eine Kirche, in welcher Macht erlöst(er) praktiziert wird. Das ist nicht nur Wunsch, sondern oft auch schon Wirklichkeit.

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