Die einmalige Gleichzeitigkeit von Advent und Ramadan Ende des vergangenen Jahres ging an den meisten Christen spurlos vorüber. Der Großteil hat es gar nicht bemerkt und wem es aufgefallen wäre, nahm es zur Kenntnis. Einzelne unter jenen, die professionell erziehen, waren aber doch von dieser Koinzidenz besonderer Zeiten verschiedener religiöser Traditionen durch die ihnen anvertrauten Kinder betroffen. Und so kam in Gang, was meistens in solchen Situationen passiert, es kommt zum Vergleich, wo das eine als Maßstab für das andere dient, eine Art Ausgleich stattfindet und alle Federn lassen müssen. Am Ende wurde aus dem Ramadan ein islamischer Advent und aus Weihnachten ein christliches Zuckerfest. Und niemand denkt sich Schlimmes dabei, ist es doch so gut gemeint, wenn das Andere so wie das Eine ist, nur ein bisschen anders. Es soll doch alles gleich-gültig sein in der modernen Welt.

Das Vergleichen der Verschiedenen mit Kategorien, die das Eigene zur allgemeinen Norm der Wahrnehmung macht, ist in der Auseinandersetzung mit Religionen fest etabliert. Da wird nach heiligen Büchern gefragt, die doch jeweils eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben, Mekka und Rom auf eine Ebene gestellt und das je Besondere einer Kirche, einer Moschee und einer Synagoge durch die Kategorie "Gotteshäuser" zum Verschwinden gebracht.

Eine Suche nach Entsprechungen wäre sinnvoll aufgrund genauer Wahrnehmung der eigenen und der anderen Tradition, ohne von zufälligen Äußerlichkeiten in die Irre geführt zu werden.

Auf der Suche nach einer Entsprechung zum christlichen Weihnachtsfest würde die Aufmerksamkeit dann vom Zuckerfest auf die Nacht der Bestimmung am 27. Tag des Ramadan fallen, in der nach islamischer Tradition Mohammed die erste Koranbotschaft erhalten hat. Es ist die geheiligte Nacht des Islam, eine Nacht voller Heil und Segen, in der die Engel vom Himmel herabsteigen.

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau