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Nichts mehr ist heilig

Der Ramadan gilt Muslimen als der Monat der Versöhnung. "Ein Monat, dessen Beginn Barmherzigkeit, dessen Mitte Vergebung und dessen Ende Befreiung von der Hölle ist".

Wer in diesem Monat mit Glaube und Verantwortungsbewusstsein fastet, dem vergibt Gott seine Sünden.

Nicht Essen, nicht Trinken, nicht Rauchen, kein Geschlechtsverkehr - von vor Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang.

Das ist den erwachsenen Muslimen als Pflicht im neunten Monat des islamischen Kalenders auferlegt.

Der versöhnende Charakter des Fastenmonats lässt diesen aber auch zu einer Zeit werden, in der sich Menschen miteinander versöhnen und den Armen in ihrer Mitte helfen.

Im Fasten ehren Muslime Gott und wissen sich der großen Gemeinschaft der Muslime besonders verbunden.

Was werden gläubige Muslime empfinden, wenn gerade in dieser heiligen Zeit Bomben auf ihr Land fallen?

Der aus dem Libanon stammende Münsteraner Islamexperte Adel Khoury verglich die Stellung des Fastenmonats mit dem christlichen Weihnachts- und Osterfest und warnte vor einer Fortsetzung der Bombardierung. Der Ramadan sei der heiligste Monat des Islam, in dem die Muslime zu größter Solidarität verpflichtet sind.

Für Christen - und das gilt nicht nur für Gläubige - ist Weihnachten eine heilige Zeit, eine Zeit des Friedens, angesichts der besondere Anstrengungen übernommen worden sind, bewaffnete Auseinandersetzungen zu beenden oder wenigstens vorübergehend auszusetzen.

Selbst im Ersten Weltkrieg, einem Krieg mit einer bereits massenmörderischen Brutalität, gab es einen - nicht eigens vereinbarten - weihnachtlichen Waffenstillstand.

In einer Woche wird der Ramadan begonnen haben. Werden dann die Bombardments wenn schon nicht abgebrochen, dann wenigstens unterbrochen sein?

Oder ist "dem Westen" nichts mehr heilig?

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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