"Ich wünsche mir offenen Austausch"

Ob der Islam in der Moderne angekommen ist? Talal Asad, Muslim und Kulturanthropologe an der City of New York University. weist darauf hin, dass auch in Europa seit Jahrzehnten darüber diskutiert wird, was die Moderne eigentlich ist und ob sie erstrebenswert ist.

Die Furche: Herr Professor Asad, in der Auseinandersetzung zwischen dem so genannten Westen und der islamischen Welt ist oft der - "westliche" - Vorwurf zu hören, dass der Islam noch nicht in der Moderne angekommen sei. Was sagen Sie zu solch einer Einschätzung?

Talal Asad: Zunächst einmal liegt hier eine fehlende Klarheit vor, was denn mit "Moderne" gemeint ist. Versteht man die Moderne in Bezug auf die Technologie oder auf die Mittel der Lebensgestaltung, dann gibt es alle möglichen Anstrengungen der Muslime, die modernen technischen Hilfsmittel für sich zu nutzen. Aber viele Muslime sind nicht reich und können sich daher viele davon schlicht und einfach nicht leisten. Aber auch die ärmeren Schichten im Westen können das oftmals nicht. Das ist das eine. Zum anderen ist die Moderne ein sehr vager Begriff. Viele haben vergessen, dass Europa selbst das ganze letzte Jahrhundert hindurch diskutiert hat, was die Moderne eigentlich ist - und ob sie erstrebenswert ist. Es gibt darüber auch unter den Europäern oder in den USA keine einheitliche Auffassung. Die Vorstellung: Hier der der Moderne verpflichtete Westen, dort der Islam - ist eine dumme, aber politisch wirkmächtige Vorstellung, die benutzt wird, um Menschen aus der islamischen Welt zu stigmatisieren.

Die Furche: Die Diskussion dreht sich auch um die Scharia. Diese wird im Westen als "vormodernes" Rechtssystem verstanden, und jetzt würden die Muslime dieses nach Europa mitnehmen.

Asad: Auch hier weiß ich nicht genau, was mit "modern" gemeint ist. Die Scharia ist ein Rechtssystem, das sehr viel subtiler und bunter ist als gemeinhin angenommen. Wenn Muslime nach Europa kommen, sind sie eine Minderheit, die meisten von ihnen gehören sozial niedrigen Schichten an - und sie kommen nicht, um die Scharia für Europa einzuführen. Vor kurzem gab es in England eine Auseinandersetzung über den Gebrauch der Scharia …

Die Furche: … der Erzbischof von Canterbury regte an, bestimmte Fragen in der islamischen Community mit Hilfe der Scharia zu behandeln …

Asad: … und Leute, die es besser wissen sollten, haben ein Mordstheater darum gemacht. Er hat einfach vorgeschlagen, dass auf eine informelle Weise Vorkehrungen getroffen werden sollten - so wie es bei Juden oder anderen Minderheiten der Fall ist - um Wege zu finden, Familienangelegenheiten zu regeln. Er hat niemals beabsichtigt, dass das, was wir Scharia nennen, staatliches Recht werden sollte. Die Scharia ist ein sehr komplexes System, auch nicht starr fixiert, und es gibt muslimische Denker, die für eine Reform der Scharia eintreten, sowohl für marginale als auch für radikale Reformen. Die Scharia hat bereits große Veränderungen erfahren. Die Art, wie die Gerichtshöfe in islamischen Ländern die Scharia anwenden, ist ganz anders, als das vor 300 Jahren der Fall war. Diese Gerichte sind oft nach europäischen Vorstellungen organisiert - etwa bei der Prozessordung, der Art, wie die Fälle vor Gericht präsentiert werden, der Anbindung an die Gesetzgebung usw. Da sitzt niemand unter einem Baum und sagt: Mach dies oder das. Wenn die Leute über die Scharia sprechen, denken sie gleich ans Handabhacken oder ähnliches - so wurde etwa in der jüngsten Kontroverse in England argumentiert. Solche Vorstellungen sind absurd.

Die Furche: Kann der Islam Europas Gesellschaften positiv beeinflussen?

Asad: Ich kann da nichts vorhersagen. Ich bin immer ein wenig irritiert, wenn es heißt, dass die Moderne die Dinge verbessern soll. Man darf nicht vergessen, auch Hitler war "modern", Stalin auf seine Weise auch - und auch Guantánamo etc. ist sehr "modern"! Aber wenn die Europäer sagen, dass eine der Prinzipien europäischer Werte die Offenheit gegenüber neuen Ideen ist, dann sollten sie darüber nachdenken, was in den muslimischen Traditionen für sie fruchtbar sein könnte. Oder muss alles, was irgendeinen Wert hat, ein europäisches "Imprimatur" haben? Ich hoffe also, dass es der Einfluss ist, dass die Europäer selbst sagen: Wie können wir diese Beziehung fruchtbar machen? Natürlich wird es da immer Konflikte geben. Man muss ja auch sehen: Die schlimmsten Kriege des letzten Jahrhunderts, die blutigsten Auseinandersetzungen der Weltgeschichte haben in Europa stattgefunden. Konflikt und Unterdrückung ist ein Teil der europäischen Geschichte. Daher ist es keine gute Sache zu sagen: Was für Konflikte bringen die Muslime nach Europa?

Die Furche: Wären in diese Diskussion islamische "Werte" einzubringen?

Asad: Ich bin dagegen, besondere "Werte" einzubringen. Ich bin viel mehr interessiert an den Verhaltensweisen, die die Europäer im Gespräch mit Muslimen verschiedener Traditionen für sich selbst entwickeln. Ich will das nicht vorschreiben und sagen, schaut her, das ist die erste, zweite, dritte, vierte gute Idee und ihr solltet sie annehmen. Ich wünsche mir einen offenen Austausch, in dem die Europäer nicht sagen: Wir wissen alles, wir wissen, was das gute Leben für jedermann auf der Welt ist. Das muss verschwinden. Ich bitte die Europäer, einige ihrer Verhaltensweisen gegenüber Muslimen und Angehörigen anderer Religionen in diesem Sinn zu ändern.

Die Furche: Ein Beispiel: Da ist das - vom Westen stammende - kapitalistische Wirtschaftssystem. In der islamischen Tradition gibt es aber das Zinsverbot. Wie können diese beiden, völlig unterschiedlichen Konzepte in eine fruchtbare Auseinandersetzung treten?

Asad: Da geschieht etwas Interessantes in der Folge der derzeitigen Weltfinanzkrise: Es ist in erster Linie eine Krise, die durch die enorm unverantwortliche Spekulationen verursacht wurde, und die mit der Frage der Zinsen in Zusammenhang steht. Es wurde notwendig, einige dieser Dinge zu überdenken. So sind einige Institutionen entstanden, die Menschen zinslose Darlehen gewähren. Das ist eine bestimmte Praxis, die zu einem Denken jenseits der Problematik der Zinsen führen könnte. Es stimmt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem in der Welt heute undenkbar ist ohne Zinsen. Aber auch viele Menschen, die sich für den Islam überhaupt nicht interessieren, stellen die Frage, wie man Alternativen zum heutigen Wirtschaftssystem findet. Wenn muslimische Institutionen da bestimmte Praktiken einbringen können, dann ist das gut. Da gibt es etwa das Prinzip des Beteiligungsarrangements: Anstatt dass jemand Kapital zur Verfügung stellt und dafür Zinsen verlangt, teilen dabei derjenige, der das Kapital zur Verfügung hat, und der, der das Unternehmen betreibt, die Gewinne und Verluste miteinander. Es gibt keinen fixen Zinssatz, sondern nur eine Vereinbarung: Wenn es einen Verlust gibt, werden ihn beide Seiten tragen, und wenn es einen Gewinn gibt, werden ihn beide Seiten teilen - das ist ein Prinzip der gemeinsamen Verantwortung und nicht eines fixen Zinssatzes. Ich nehme an, auch das ist eine Form des Kapitalismus, aber ein anderes Arrangement, das zur Zeit ein wenige aus der Mode gekommen ist.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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