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"Mikrokredite sind keine Wundermittel“

Der Chef von Oikocredit Österreich, Peter Püspök, über die Kritik an der Mikrokreditbranche, die Ethik der Banker und den tiefen Fall seines Ex-Kollegen Herbert Stepic.

Peter Püspök leitet Oikocredit Österreich, den nationalen Zweig einer Genossenschaft, die in Entwicklungsländern Mikrokredite vergibt. Püspök war bis 2007 Vorstandschef der Raiffeisen Wien-NÖ. Ein Gespräch über die Krise der Mikrokreditbranche, die Abkehr vom Profitdenken und den Fall Herbert Stepic.

Die Furche: Oikocredit Österreich galt immer als Vorzeigeinstitution. Nun ist der Mikrokredit international in der Krise. Wie steht es um ihre Organisation?

Püspök: Unsere Situation ist im internationalen Vergleich besonders erfreulich, weil Oikocredit sich als sozialer Investor in der Mikrokreditbranche deutlich von kommerziellen Unternehmen abhebt. Es gibt etwa 10.000 Mikrofinanzinstitutionen (MFI) weltweit. Oikocredit arbeitet nur mit 600 ausgesuchten MFI zusammen, die die soziale Zwecksetzung im Auge haben. Außerdem: gibt es keine internationale Krise der Mikrofinanz, sondern es gab punktuelle Probleme, die von rücksichtslosen Geschäftemachern verursacht wurden. Oikocredit gelingt es seit 38 Jahren Menschen, die an sich nicht kreditwürdig wären, Kredite zu geben. Und diese Menschen zahlen sehr pflichtbewusst und verlässlich zurück. Unser veranlagtes Kapital ist 2011 um 28 Prozent gestiegen und das in einer - global gesehen - sehr schwierigen finanziellen Lage.

Die Furche: Gleichzeitig wurde das Mikrokreditgeschäft mit massiver Kritik konfrontiert. Dass die Kredite eben sehr viele Menschen in den Ruin getrieben hat.

Püspök: Sie sprechen einzelne Beispiele in Indien an, die nichts mit Oikocredit zu tun haben. Wir sind in 70 Ländern der Welt tätig und erreichen 26 Millionen Menschen. Nur eines muss man schon sagen: Der Mikrokredit ist kein Wundermittel. Er löst nicht alle Probleme dieser Welt und schon gar nicht, wenn er von Kommerzialisten in die Hände genommen wird um finanziell Unersättliche ohne soziale Absichten zu befördern. In Österreich ist es unsere Aufgabe, soziale Investoren zu gewinnen. Unser Verein setzt sich aus alten ehrgeizigen Managern und einem jungen engagierten Team zusammen, das auch einen gewissen Zugang zu Marketingstrukturen hat. Österreich ist das am schnellsten wachsende Land in der Oikokredit-Familie.

Die Furche: Bleiben wir noch kurz bei den Kritikern. Die "Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung“ hat Ende 2011 einen Bericht herausgegeben, der die 23 umfassendsten internationalen Studien über Mikrokredite zusammenfasst. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ein einziges Projekt, das noch dazu nicht Mikrokredite sondern Mikrosparen zum Thema hatte, erhielt eine durchgehend positive Beurteilung. Alle anderen zeigten entweder kaum positive oder negative Folgen. Der Bericht spricht von "kaum positiven Wirkungen“, "romantisierenden Beschreibungen von Erfolgsgeschichten“ und so fort.

Püspök: Es gibt international ganz andere Studien. Einer der renommiertesten UN-Experten zum Thema ist Damian von Stauffenberg. Er ist da absolut anderer Meinung. Der Mikrokredit ist ein ganz hervorragendes Instrument, wenn es mit sozialem Augenmaß eingesetzt wird. Ich selbst habe so viele Fälle persönlich erlebt, wo Menschen sich eine Existenz aufbauen konnten und Schritte aus der Armut heraus gemacht haben. Da frage ich mich schon: Warum sollen das alles Einzelfälle sein? Aber wie gesagt: Der Mikrokredit bleibt ein Instrument, genauso wie das Rad ein Instrument ist, das in verschiedenster Art benutzt werden kann. Wenn ich es verherrliche, so wie man Mikrokredite verherrlicht hat, dann bietet es sich geradezu an, Geschichten über Menschen zu schreiben, die vom Rad überfahren wurden. Aber das ist ja nicht die Schuld des Rades.

Die Furche: Aber wie wollen Sie sicherstellen, dass durch Ihre eigene Organisation niemand finanziell überfahren wird?

Püspök: Unsere Organisation ist keine an Gewinn orientierte Bank. Außerdem hat Oikocredit die UN Richtlinien für Inclusive Finance und Kreditnehmerschutz mitentwickelt. Von den der Vergabe von Krediten beteiligten Instanzen, ist beim Modell Oikocredit nur eine einzige potenziell gewinnorientiert. Das ist der Kreditgeber vor Ort. Den kontrollieren wir sehr genau, dass da kein Missbrauch passiert. Das ist einzigartig. Bei den anderen Anbietern sehen Sie eine Kaskade von mindestens fünf gewinnorientierten Insitutionen. Der Investor, die Bank, der Mikrofinanzdachfonds, der Mikrofinanzfonds, das Mikrofinanzinstitut. In der Regel sind das fünf Institutionen, die alle Gewinn machen wollen.

Die Furche: Wie sehen Sie denn die Zukunft der gesamten Branche?

Püspök: Die Krise hatte auch ihre positiven Seiten. Sie hat vieles bewusst gemacht, es ist ein Reinigungsprozess im Gange. Das war für die Mikrofinanzbranche sehr wichtig. Oikocredit beschäftigt Menschen aus allen Erdteilen und Regionen, die sich einfach auskennen. Und wir sehen auch die Vorteile unserer Genossenschaftsstruktur. Da reden zwar wesentlich mehr Menschen mit, als bei einer normalen Bank, aber ihr Imput hilft uns viele Fehler zu vermeiden. Derzeit diskutieren wir intensiv, ob wir nicht auch in die erneuerbaren Energien in den Entwicklungsländern gehen sollten. Das ist ein Bereich, wo wir uns vorstellen können, dass wir in den kommenden 30 Jahren einen entscheidenden Beitrag leisten können.

Die Furche: Abschließend eine persönliche Frage. Sie waren sehr lange bei Raiffeisen im Spitzenmanagment tätig und haben mit Herbert Stepic eng zusammengearbeitet. Wie sehen Sie denn den Fall Ihres ehemaligen Kollegen?

Peter Püspök: Stepic und ich haben gemeinsam bei Raiffeisen begonnen und sind auch gemeinsam aufgestiegen. Er war Auslandschef, ich Inlandschef. Wir haben viele Sträuße ausgefochten, weil wir in vielen Dingen verschiedener Meinung waren. Aber im Persönlichen haben wir uns immer gut verstanden und tun das heute noch. Die Geschichte seines Rücktritts tut mir sehr sehr weh.

Die Furche: Warum?

Püspök: Weil der Grund, der zu seinem Rücktritt geführt hat, unverhältnismäßig zu dem war, was er geleistet hat. Für Raiffeisen und für Osteuropa. Seine Gründungen in Osteuropa sind reine Realwirtschaftsbanken. Und er stand Spekulationen im Bereich der Bank immer kritisch gegenüber. Natürlich war er einer, der optimiert hat. Er hat für die Bank optimiert und hat daneben auch versucht, für sich zu optimieren. Ich trete nicht an, diese Dinge zu verteidigen. Aber darüber hinaus soll nicht übersehen werden, dass Herbert Stepic ein sehr sozial denkender Mensch ist, der auch eine eigene Charity unterhält. Er hilft damit Straßenkindern, Roma, vergewaltigten Frauen. Er ist auch förderndes Mitglied bei Oikocredit, und ich hoffe, das wird so bleiben.

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