Digital In Arbeit

"Schlicht bedeutet wissenschaftlich"

Die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt darüber, wie Menschen Webseiten bewerten.

Die Furche: Frau Professor Felt, über eine Million Webseiten tragen das HON-Label. Haben Ihre Probanden bei der virtuellen Suche nach MedizinInformationen auf dieses Qualitätssiegel geachtet?

Ulrike Felt: Nein, niemand. Das hat auch mit dem Suchverhalten der User zu tun: Über Google steigen die Menschen oft direkt in eine Unterseite ein - das HON-Label pickt aber nur auf der Hauptseite.

Die Furche: Wie beurteilen die Leute dann, ob die Web-Infos seriös sind?

Felt: Das hängt stark vom jeweiligen Wissenschaftsbild ab. Einige assoziieren eine schlichte Aufmachung mit Wissenschaftlichkeit und lehnen alles Bunte ab. Andere schätzen schönes Design. Sie denken: Wer sich beim Formalen Mühe gibt, investiert auch in Inhalte.

Die Furche: Gibt es weitere Kriterien zur Beurteilung von Webseiten?

Felt: Das Vergleichen von Infos ist eine zentrale Strategie. Wenn sich auf verschiedenen Seiten ähnliche Beschreibungen finden, so wird dies als Bestätigung erachtet. Wichtig ist auch die Lesbarkeit. Zum einen sollen die Infos in einer vernünftigen Zeit erfassbar sein. Zum andern dürfen die Texte nicht zu einfach sein, weil sonst ist es vielleicht nicht mehr wissenschaftlich. Die Idee dahinter ist: Medizin ist etwas Komplexes. Und das muss sich auch in der Sprache widerspiegeln.

Die Furche: Nach welchen Infos suchen denn die Menschen?

Felt: Viele interessieren sich nicht nur für harte Fakten, sondern auch für Erfahrungsberichte. Diese Patienten haben oft ein geteiltes Körpermodell. Demnach hat die Krankheit einen technowissenschaftlichen Hintergrund - dafür ist der Arzt zuständig. Aber wie der Patient damit tagtäglich umgeht, entscheidet er selbst.

Die Furche: Was heißt das?

Felt: Der Patient glaubt etwa, die Erkrankung habe auch mit Ernährung zu tun; sein Arzt sagt, dass dieser Zusammenhang nicht erwiesen sei. Der Patient trifft nun Betroffene im Netz, die ihn in seiner Vermutung bestärken. Er verzichtet folglich auf gewisse Lebensmittel - und fühlt sich so besser. Dieser kollektive Austausch ist hochinteressant, hilft er doch dem Einzelnen, sein Krankheitserleben ein Stück weit selbst zu gestalten. Ich nenne das eine Resozialisierung der Medikalisierung durch das Netz.

Das Gespräch führte Thomas Mündle.

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