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Wo Well und Wahrheit sich kreuzen

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Das Drama führt in Konflikte, die vom Irdischen her nicht versöhnt werden können. Das liegt sowohl in seinem Ursprung wie im Wesen der dramatischen Form, die streitende Personen und Mächte in ihrem Eigenrecht gegeneinander stellt; der Kampf wälzt sich bis an den Rand des Daseins, der Erde; die Antwort, die über dem Abgrund des Absturzes vernehmlich wird, ist Sache des Dichters und seiner Zeit, der religiösen und geistigen Welt, in der er steht, der Gesamtheit, an die er sich wendet. Denn ohne eine solche in ihrer geschichtlichen Gegebenheit ist kein Drama möglich. Sehr wohl kann die Antwort eine Frage sein; der Hörer faßt sich ans Herz; er begreift nicht mehr, oder er fühlt: er ist durch das Feuer gegangen, das ihn umschmelzen wird. Es kann aber auch eine Antwort aus einer andern Welt herüberdringen, die durch die erfahrene Handlung gedeutet wird. Wir müssen uns hüten, das Dramatische und gar das Tragische engen, eindeutigen Formeln zu unterwerfen. Zum Wesen des Kunstwerkes gehört eine gewisse Vieldeutigkeit. Das Drama ist Gleichnis des Weltganzen und des Weltablaufs, des in der Weltentiefe beschlossenen fortbrennenden Streites. Im letzten Sinne, aber aus der vollen Kraft des Gestalthaften ist es Chiffre; es macht erfahrbar, was auf keine andere Weise mitgeteilt werden kann: einen Daseinswiderspruch. Auch das Tragische soll auf keine Formel gebracht werden; es ist ein Grund- phänömen; die Schuld ist schon eine Phase seiner Verwirklichung und wahrscheinlich nicht einmal eine unabdingbare Phase; der Grund liegt tiefer: dort, wo im Dasein Unvereinbares zusammengeschlossen ist.

Man sollte nun glauben, daß die heute lebenden Menschen, unter deren Füßen der Boden der Jahrhunderte eingebrochen ist, der tragischen Kunst sich zuwenden; hat sie doch in ihrem Wesen, als Aussage vom Leben und den Mächten, alles vorweggenommen, was sich begeben hat und noch begeben kann.

Das ist aber keineswegs der Fall. Die Erfahrung des Tragischen wird nach Möglichkeit umgangen, verschleiert, verwischt; es wird versucht, sie in ihren Vorfeldern zu bewältigen, in politischen, sozialen, psychologischen, die gewiß im Schatten des Tragischen liegen können. Aber wer blickt der tragischen Maske ins Antlitz? Es sind nur wenige. Denn das Tragische in seiner Härte richtet sich an die Person, und zwar an eine Gesamtheit aus echten Personen; diese wird es erheben, prägen, vorbereiten auf die Schrecken der Erde; vielleicht sogar mit ihnen versöhnen. Je mehr die Bühnen, mögen sie sich nun einem großen oder kleinen Bühnenraum darbieten, sich vereinigen zu einem Theater der Masse, die als solche Schickungen nur erleiden, aber nicht als Heimsuchungen austragen kann, in Wahrheit also lebenslang auf der Flucht ist vor dem unverheilbaren Bruch in Dasein und Geschidne, um so fremder ist die tragische Kunst, die die Person anredet, aber die Person in einem Ganzen.

Sucht die Tragödie aber die Person auf dem Boden der Geschichte, so kann sie dem Christentum nicht entgegen sein, das Gott als Person in seiner geschichtlichen, die Geschichte wendenden Existenz verehrt. Es muß ein Drama möglich sein aus essentiell christlichem Gehalt, gerade heute, da doch alles darum geht, daß wir das Christentum so verstehen, wie sein Stifter es gemeint hat, und es in diesem seinem Sinne vollziehen. Hier soll die Rede sein von dem christ- lichen Konflikt zwischen Welt und Wahrheit als einer Wurzel des Dramas.

Das Dasein des Christen ist von seinem Innersten her dramatisch, ja tragisch. Damit soll ausdrücklich nicht eine wesentlich ausweglose Tragik gemeint sein, die ja ohnehin eine problematische, auch von den Griechen nicht festgehaltene Vorstellung ist: Ödipus endet auf Kolonos in der Gnade, als einzelne tragische Person, während das Unheil auf Erden fortwüten wird. Die Gnade kann in einem jeden Augenblick den tragischen Zirkel durchbrechen. Freilich ist auch im Christentum eine ausweglose Tragik möglich: die Verdammnis, der unwiderrufliche Verlust des Heils. Vielleicht aber gibt es keinen höheren und erhabeneren Widerspruch, als er in den Abschiedsreden Jesu Christi aufgeht: er beruht darauf, daß die Wahrheit, die nicht von der Welt ist, unwiderruflich in die Welt gesendet wurde; daß in der Welt eine Macht sein soll, die nach dem Wesen der Welt nicht in ihr sein kann; daß diese Macht da ist, um die Welt zu retten und doch von der Welt nicht geduldet wird. Der Widerspruch verkörpert sich in letzter Vollendung in dem ungeheuren Gegenüber des Herrn mit Pilatus, des gebundenen Königs und des Machthabers, der Wahrheit in Fleisch und Blut und dessen, der gerade im Antlitz der Wahrheit zu fragen wagt: Was ist Wahrheit?

Die Beziehung zwischen dem Christen und der Weit ist also vom Menschen her untragbar; bei Gott, aus der Gnade, wird sie möglich. Wo Welt und Wahrheit sich kreuzen, steht der Christ; sie kreuzen sich in einer jeden Zeit auf eine besondere Weise, und eben dadurch wird Kreuz auf Kreuz eingegraben in diese Erde als die unvernichtbaren Zeichen des Heils. Die Darstellung dieses Konflikts in seiner zerstörenden Schmerzhaftigkeit ist dem Drama Vorbehalten; in ihm stoßen die lebendigen Mächte, Rechte, Argumente mit einer den Zuschauer unwidersprechlich einfor- demden Wucht körperhaft zusammen. Das kann, es muß vielleicht, auf verschiedenen Ebenen geschehen; der Streit verlagert sich von Plattform zu Plattform, bis auf dem letzten Gebirgsgrat, zwischen Diesseits und Jenseits, Ja oder Nein gesprochen werden müssen. So haben auch aus dem Wesen des Christlichen hervorgegangene Romane eine dramatische Anlage, ein deutliches Zeichen dafür, daß das eigentlich Gemäße in unserer Zeit in eigenster Form kaum zu erscheinen wagt, weil es nicht angenommen, nicht erwartet wird, weil die Menschen es nur in einer Verhüllung ertragen.

Im Zusammenstoß des Christen mit der Welt herrschen zwei Probleme vor: die Wahrhaftigkeit, das heißt der dichterische Vollzug der Wahrheit und die Verwaltung der Macht. Die Welt, deren Herr der Fürst der Lüge ist, stellt eine Konvention der Lüge dar. Die Spielarten sind zugleich unerschöpflich und undurchdringlich; denn der Grund der Wahrheit ist ja des Herzens Meinung, der „Herzensmensch“ des Apostels, der verborgen bleibt. Wie soll der Christ in dieser Welt leben? Und er soll es doch. Er soll die Wahrheit tun. Das Tun der Wahrheit scheint tödlich zu sein. Aber eben der wird ja leben, der schon gestorben ist. Wie soll der Christ an dieser Stelle Macht verwalten? Und doch soll er es. Denn die Macht ist durch das Christentum ja keineswegs entwertet, sie hat von ihm vielmehr den höchsten Wert empfangen als Anteil an der Königsmacht Christi. Der König stürzte die falsche Macht nicht. Er widerlegte sie, indem er sie erlitt; eben damit behauptete er seine Macht. Der Christ ist mächtig, so lange Christus in ihm lebt. Nur aus dieser Gnade kann er Macht verwalten. Aber er wird bei einem jeden Schritt auf das Angebot der Sünde stoßen; nimmt er es an, so trennt er sich von Christus — und er steht nicht mehr in der eigentlichen Macht. Eine auf das Irdische begrenzte Macht kann der Christ nicht ausüben; sie muß dem Sinn Jesu Christi unterworfen, mit ihm vereinbar sein. Eine Trennung in Irdisches und Himmlisches ist nicht erlaubt; denn darum geht es ja, daß das von Gott Gebotene auf der Erde, in der Geschichte, vom ganzen Menschen und ganzen Dasein erfüllt wird. Aber bei jedem Schritt wird es unmöglich scheinen, Macht zu bewahren ohne Lüge; es wird sogar in der Welt, wie sie ist, tatsächlich unmöglich sein.

Dieser Konflikt ereignet sich in einem jeden Leben. Es kommt nicht auf den Umfang der Macht, noch ihre Natur an, ob sie nun geistig oder geistlich, politisch, militärisch, wirtschaftlich oder rein persönlich ist. Aber am sinnfälligsten müßte das Problem sich doch darstellen lassen im Geschick des geistlichen und weltlichen Herrschers.

In wahrhaft christlichen Herrschern hat sich ohne Zweifel das Tiefste unserer Geschichte begeben. Was sie, was mit ihnen die Völker erlitten haben in der christlichen Verwaltung der Macht, im Bestreben, Zugleich Christ und Träger geschichtlichen Erbes und Auftrags zu sein: das hätte eigentlich erster Gegenstand des abendländischen Dramas sein müssen. Auf noch höherer Ebene ereignete sich der Konflikt in den Päpsten, die zugleich Stellvertreter Christi und weltliche Fürsten waren. Aber nur selten bemühte sich die dramatische Kunst um sie, noch seltener um ihr Problem, um ihr eigentliches abgründiges Leid; was sie erschütterte, blieb ungesagt; die einzigartigen dramatischen Möglichkeiten der Papstgeschichte wurden bis heute kaum berührt. Und doch wäre hier das Symbol des Weltgeschicks gewesen das alle andern Symbole überleuchtet: wäre hier die Forderung Christi in fürchterlichster Schärfe geltend geworden gegen die Forderung der Welt.

Damit gelangen wir zu eiÄer christlichen Dramaturgie, deren Prinzip der Vollzug der göttlichen Wahrheit wider die Welt ist — mit dem ahnenden Blick auf die Rettung der Welt durch die Wahrheit und durch das Opfer für sie. Drama ist dann Wahrheitsvollzug. Auf ihn ist jede Szene, jeder Satz gerichtet; von ihm der Dialog geformt, der sich ganz anders bewegt als das Gespräch des täglichen Lebens. Er eilt mit den ersten Sätzen auf die Wahrheit zu, wird zurückgeschlagen, sucht sie von anderer Seite zu erreichen, bricht durch, scheitert wieder, setzt von einem dritten Punkte an. Ein verborgenes Feuer brennt im Innersten; es arbeitet sich durch von Szene zu Szene; am Ende ist die Wahrheit da. Aber die Wahrheit ist das Gericht der Welt. So mündet das Drama im Tribunal.

Das setzt voraus, daß der Dichter sich selber richtet. In sich richtet er die Welt, So hat es noch Ibsen verstanden, obgleich er das Drama aus dem religiös-tragischen Bereich der „Kronprätendenten“ in die Stuben der Anwälte und Großkaufleute hinabführte; Dichten heißt: „Gerichtstag halten über das eigene Ich.“ Drama ist Abrechnung des Dichters mit sich selbst. Darauf beruht die sittliche Wucht.

In der christlichen Tragödie scheitert die Welt noch einmal, wie sie an Christus gescheitert ist. Und damit verwandelt sich das Tribunal, in dem sie endet, in die Vorerscheinung des Endes überhaupt. Die letzten Szenen spielen, als Zeichen des Weitendes, im apokalyptischen Aspekt; doch dieser deutete sich schon mit der ersten Szene an und weitete sich mit einer jeden folgenden. Das kann auf eine sehr verhüllte, eine völlig unpathetische Weise geschehen, so wie auch die Geschichte, deren Ablauf sich im Drama reflektiert, von Vorerscheinungen des Endes erfüllt ist. Wie das christliche Leben keinen anderen Inhalt haben kann als die noch so schwache, noch so unzulängliche, ja fast unkenntliche Nachfolge dessen, was der Herr gelebt hat, so kann das christliche Drama nur diesen Inhalt haben, nur von ihm seine Form empfangen. Es kann den Sieg nur im Opfer begreifen. Die Aussage der auf dem Konflikt zwischen Welt und Wahrheit aufgebauten Tragödie ist, daß alles, was nicht aus der Wahrheit ist, zerschellen wird an der Wahrheit; daß es aber tödlich und zugleich rettende Tat ist, in der Welt deT Lüge die Wahrheit zu tun.

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