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Joseph Ratzinger: Wofür es sich zu sterben lohnt

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Donnernder Applaus aus einem übervollen, an Prominenz reichen Auditorium beendete jüngst einen Vortrag des Glaubenspräfekten, Joseph Ratzinger, in Wien. DIE FURCHE veröffentlicht ihn hier zum Teil.

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Donnernder Applaus aus einem übervollen, an Prominenz reichen Auditorium beendete jüngst einen Vortrag des Glaubenspräfekten, Joseph Ratzinger, in Wien. DIE FURCHE veröffentlicht ihn hier zum Teil.

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Die entgegengesetztesten modernen Weltanschauungen haben den Ausgangspunkt der Leugnung des natürlichen Sittengesetzes und der Reduktion der Welt auf „bloße“ Tatsachen gemein. Das Maß dessen, was sie unlogischerweise aus den alten Werten festhalten, ist unterschiedlich, aber im Kernpunkt sind sie von der gleichen Gefahr bedroht.

Die eigentliche Unwahrheit jener Weltanschauung, für die Droge und Terrorismus nur Symptome sind, besteht in der Reduktion der Welt auf Tatsachen und in der Verengung der Vernunft auf die Wahrnehmung des Quantitativen. Das Eigentliche am Mensehen wird ins Subjektive abgedrängt und so wirklichkeitslos.

Die „Abschaffung des Menschen“, die aus der Absolutsetzung einer einzigen Weise des Erkennens folgt, ist zugleich die klare Falsifizierung dieser Weltsicht. Den Menschen gibt es, und wer ihn kraft seiner Theorie in den Bereich des durchschauten und montierbaren Apparats herabziehen muß, lebt in einer Verengung der Wahrnehmung, der gerade das Wesentliche entgeht. Wenn Wissenschaft auf möglichst umfassende und wirklichkeitsgerechte Erkenntnis abzielt, dann ist eine so verabsolutierte Form einer Methode das Gegenteil von Wissenschaft.

Das heißt mit anderen Worten: Auch die praktische Vernunft, auf der die eigentlich sittliche Erkenntnis beruht, ist eine wirkliche Vernunft und nicht bloß Ausdruck subjektiver Gefühle ohne Erkenntniswert Wir müssen wieder begreifen lernen, daß die großen sittlichen Erkenntnisse der Menschheit genauso vernünftig und genauso wahr, ja, wahrer sind als die experimentellen Erkenntnisse des naturwissenschaftlichen und technischen Bereichs. Sie sind wahrer, weil sie tiefer an das Eigentliche des Seins rühren und entscheidungsvoller für das Menschsein des Menschen sind.

Daraus ergeben sich zwei Schlußfolgerungen. Die eine ist die, daß das moralische Sollen nicht die Gefangenschaft des Menschen ist, von der er sich freimachen muß, um endlich tun zu können, was er will. Das moralische Sollen macht seine Würde aus, und wenn er es abschüttelt, dann wird er nicht freier, sondern dann hat er sich auf die Ebene des Apparats, des bloßen Dings zurückgestuft.

Wenn es kein Sollen mehr gibt, auf das er in Freiheit antworten kann und muß, dann gibt es den Bereich der Freiheit überhaupt nicht mehr. Das Erkennen des Moralischen ist der eigentliche Inhalt der Menschenwürde; man kann es aber nicht erkennen, ohne es zugleich als Verpflichtung der Freiheit zu erfahren. Moral ist nicht Kerker des Menschen, sondern das Göttliche an ihm.

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