Quint-Essenz

Kein Nikolo. Echt jetzt?

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Der Nikolo kommt heuer nicht in den Kindergarten, weil er Angst vor Corona hat. Eine Kolumne über den Zeitgeist.

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Der Nikolo kommt heuer nicht in den Kindergarten, weil er Angst vor Corona hat. Eine Kolumne über den Zeitgeist.

Elternabend im Kindergarten. Vorab waren wir via Mail über die Abstandsregeln informiert worden. Auch darüber, dass es den Eltern nicht gestattet sei, sich nach dem offiziellen Teil im Kindergarten zu unterhalten. Auf der Veranstaltung selbst erfuhren wir dann, dass heuer kein Nikolo in den Kindergarten kommen wird. Er hätte Angst vor Corona, hieß es.

Die Causa Sankt Nikolaus würde stattdessen à la Christkind gehandhabt werden. Jedes Kind bekäme ein Säckchen mit Nüssen, Orangen und Schokolade – und es würde ihm gesagt, es käme vom Nikolo. Der Überbringer selbst bliebe aber unsichtbar. Enttäuschung machte sich breit. Eine Mutter fragte, ob sich der Nikolo nicht wenigstens am Fenster blicken lassen könnte. Sie biss auf Granit. Vertröstet wurde sie damit, dass ihr Sohn beim Auspacken des Säckchens gefilmt werden würde. Dafür müsse sie nur eine Einverständniserklärung unterschreiben.

Nächster Punkt auf der Agenda: Der jährliche Fotografen- Termin vor Weihnachten. Angeboten würden Gruppenfotos, Porträts oder Geschwisterbilder. Die jeweiligen Preislisten bekämen wir zugeschickt.

Was ich mich frage: Warum hat der Fotograf eigentlich keine Angst vor Corona? Weil er ein Geschäft wittert? Könnte man nicht auch einen Nikolo abseits der Risikogruppe mit Geld ködern? Wenn er mit Maske nur durchs Fenster schauen muss, gibt er sicher Rabatt.

Die Pädagoginnen habe ich mit meiner Stichelei verschont. Die geben nur die Order von oben weiter. Und die entspricht ja ganz dem Zeitgeist. Ein Nikolo zum Anfassen wird überbewertet. Hauptsache, es gibt ein Video von der Geschenke-Schlacht. Und die Angst vor Corona muss man sich eben leisten können. Ein selbstständiger Fotograf könnte mit ihr nicht überleben.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz "Dem verzeihe ich alles" oder "Das schwache Weib".