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Alles Spektakel, keine Kultur?

"La civilización del espectáculo“, Kultur des Spektakels, heißt im Original jenes Buch von Mario Vargas Llosa, das soeben bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist. Auf den ersten Blick, der morgens zum Beispiel auf Gratiszeitungen fällt, möchte man dem Pauschalurteil, das der deutsche Titel "Alles Boulevard“ transportiert, zustimmen. Flüchtigkeit, Entertainment, Konformismus, Kommerzialisierung, Voyeurismus statt Information oder gar Kritik: Da kann man nicken und seufzen. Doch war früher nicht unbedingt alles besser, man schimpfte aber eventuell über anderes, warnte etwa vor der Lektüre von Romanen.

Die Kultur des Abendlandes hat die Schoa gerade nicht verhindert: Diesen Einwand gegen eine kritiklose Humanismusgläubigkeit, den schon George Steiner formulierte, erwähnt Vargas Llosa zwar, verarbeitet ihn aber in seinen Analysen nicht. Statt dessen sieht er den Untergang der Kultur auch von den französischen Philosophen nach Foucault betrieben. Ob nicht viele jener Theorien - stets zu überholende - Antworten versuchen auf jene Erfahrung, dass und wie Denksysteme ungeniert neben den Massenvernichtungslagern entworfen werden konnten: Diese Frage stellt Vargas Llosa leider nicht.

Viele Phänomene seiner Analyse treffen zu, das Pauschalurteil des belesenen Literaturnobelpreisträgers greift aber zu kurz. Wenn Kultur alles ist, ist nichts mehr Kultur, trauert er seinem elitären Kulturbegriff nach. Neue Kunstformen wie Musikvideos oder Poetryslams sucht er sicherheitshalber gar nicht auf. Obwohl nicht gläubig, schätzt er die Bedeutung der Religion und Religionsfreiheit hoch, Pluralismus bei Kulturen offensichtlich nicht. Und es berührt unangenehm, dass ein Schriftsteller aus Peru europäische Geistesgrößen ins Rennen führt, aber nichts aus der Geschichte des eigenen Kontinents.

Die Autorin ist Literaturchefin der FURCHE

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