Anrainer des Grenzenlosen

Er sei während oder nach einer Herzoperation verstorben, in Hannover, Bonn oder Bad Oeynhausen - derart divergierende Meldungen passen gut zu einer schillernden Persönlichkeit wie Jiˇrí Gruˇsa. Und gut passen auch die Fakten, dass den Verfasser einer "Gebrauchsanweisung für Tschechien“ der Tod am 28. Oktober ereilte, dem Gründungstag der Tschechoslowakischen Republik, aber eben in Deutschland.

Er sei zeitlebens ein "Anrainer des Grenzenlosen“ gewesen, vermerkte Grusa in seiner letzten großen Rede am 8. Oktober, einer Laudatio anlässlich der Verleihung des Kulturpreises des Landkreises Passau. Noch einmal holte er weit aus, die "Kultur Europas in der Globalisierung“ zu skizzieren, nicht ohne ein letztes Mal gegen die "Prager Prahler“ zu wettern, die, zu nationaler Kleingeisterei Zuflucht nehmend, über eine "Res publica clausura“ sinnierten.

Mit Václav Klaus, der Grusa im Jahr 1997 kurzfristig als Unterrichtsminister in sein Kabinett geholt hatte, hat sich der Literat heuer Ende Mai einen heftigen Schlagabtausch geliefert: Der Mann auf dem Hradschin sei einfach zu lang an der Macht und habe die Fähigkeit zur Selbstkorrektur verloren. Klaus, zu dem er einst "eine positive Beziehung“ gehabt habe, sei zu einem "Propheten der Mittelmäßigkeit“ degeneriert.

Klaus konterte, Gruˇsa stilisiere sich "in der Rolle eines Weltmanns“; wann immer er ihm in Deutschland oder Österreich begegnet sei, habe er das Gefühl gehabt, er repräsentiere "eher die Interessen der anderen Seite als die unseren“. Nicht sitzen lassen konnte Klaus zumal Gruˇsas Kritik an Edvard Beneˇs als "Gartenzwerg der europäischen Geschichte“. Dass Gruˇsa nicht müde wurde, den Deutschen und Österreichern klar zu machen, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen zwar Unrecht war, aber eine Vorgeschichte hatte, klammerte der Präsident geflissentlich aus.

Zwischen Klaus und Fischer

Genau diese Fähigkeit der Vermittlung würdigte indes der Amtsinhaber in der Wiener Hofburg. Bei vielen Gelegenheiten habe ihn Gruˇsa davon überzeugt, "dass er sowohl für seine Heimat als auch für Österreich Verständnis hat und Wertschätzung empfindet“, so Bundespräsident Heinz Fischer.

Jirí Grusas Beziehung zu Österreich hatte viele Facetten - familiäre (ein Verwandter, der heuer vor 100 Jahren verstorbene Kardinal Anton Joseph Gruscha, war Erzbischof von Wien), literarische (unter anderem übersetzte er Nestroys "Häuptling Abendwind“ ins Tschechische), nicht zuletzt aber auch journalistische. Dass ihn auch die FURCHE zu ihren Autoren zählen durfte, würdigte sie dadurch, dass sie dem Brückenbauer in der Jubiläumsausgabe aus Anlass ihres 60-jährigen Bestehens eines der 60 ganzseitigen Porträts widmete.

Im Gespräch bezeichnete es Gruˇsa damals als die beiden Ironien seines Lebens, dass er als tschechisch schreibender Autor des Landes verwiesen worden und als deutsch schreibender heimgekehrt sei, sowie dass er zwar nie ein Los beim Pferderennen im heimatlichen Pardubitz, aber das Rennen um den Direktor der Wiener Diplomatischen Akademie gewonnen habe. Es wäre wohl die dritte Ironie geworden, auf die Wolfgang Machreich am Ende des Interviews anspielte, wenn Jiˇrí Gruˇsa Václav Klaus auf der Prager Burg beerbt hätte, wie dies ein Kolumnist vier Tage vor Gruˇsas Ableben in der Lidové noviny ventiliert hat.

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