Digital In Arbeit
Feuilleton

Boboville von Berlin bis Baku

1945 1960 1980 2000 2020

Vielleicht ist es gerade die Orientierung auf die Oberfläche der Körper und Dinge, die dem Nerv der Zeit entspricht, den Olga Grjasnowa mit ihrem Werk angeblich trifft.

1945 1960 1980 2000 2020

Vielleicht ist es gerade die Orientierung auf die Oberfläche der Körper und Dinge, die dem Nerv der Zeit entspricht, den Olga Grjasnowa mit ihrem Werk angeblich trifft.

Olga Grjasnowa "trifft aus dem Stand den Nerv ihrer Generation", urteilte Die Zeit 2012 über ihren Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", und: "Hier kommt die Welt zu Ihnen, wie sie noch nie zu Ihnen gekommen ist in einem Roman", lautet einer der journalistischen Werbesprüche am Umschlag ihres Buches "Die juristische Unschärfe einer Ehe". Es scheint aktuell eine feste Überzeugung, dass in Romanen mit exotischen Figuren oder Schauplätzen automatisch "die Welt" sichtbar wird. Dieses Buch jedenfalls zeigt vielleicht mehr, dass es auf Dauer ordentlich frustrierend ist, wenn Lebensorte und Sexualpartner allzu rasch gewechselt werden.

Freundschaftliche Scheinehe

"Wir sind eher die Geschwister Scholl als Tristan und Isolde", sagt im Roman die lesbische Balletteuse und ehemalige Bolschoi-Elevin zu ihrem homosexuellen Ehemann und Psychiater Altay. Die beiden kommen aus Baku, haben einander in Moskau kennengelernt und leben nun in Berlin in einer freundschaftlichen Scheinehe. Der Satz markiert den radikalen Verlust aller (politischen) Bezugssysteme und Koordinaten. Während bei Tristan und Isolde ein Liebestrank für Dramatik sorgt, riskierten die Geschwister Scholl ihr Leben für den Kampf gegen ein unmenschliches System.

Das tut im hier gewählten Milieu keiner, allenfalls geht es um Gleichberechtigung für Homosexuelle und Lesben. Im Berliner Boboville braucht man dafür freilich keinen Kampf zu führen, die Figuren leben von Clubevent zu Drogen-Party, stets auf der Jagd nach erotischen Abenteuern. Jenseits davon passiert nicht allzu viel. Die beiden Hauptfiguren kommen aus wohlhabenden, aber reichlich verrotteten Familien Bakus, die anderen sind Teil des creative-industries-Jetsets mit Aufstiegsambitionen. Diese Art von Schickeria aber ist in Baku nicht prinzipiell anders organisiert als in Moskau oder Berlin.

Leyla jedenfalls verliert in Berlin zunehmend den Boden unter den Füßen - auch wörtlich. Sie verstaucht sich just in dem Moment den Fuß, in dem sie endlich ein Engagement bekommt, und zwar im Schock über die Mitteilung ihrer aktuellen Geliebten Jonoun, dass sie mit einem Mann geschlafen habe. Jonoun kommt aus einer amerikanischen Emigrantenfamilie, hat ihren Professor geheiratet und nach drei Jahren wieder verlassen, um sich mehr ihrer eigenen Generation zuzuwenden. Jetzt kellnert sie in Berlin. Ihr erster Sexualpartner nach Leyla muss just der Großneffe des Schlächters von Vilnius sein, das Ende dieser Beziehung ist vorprogrammiert. Leyla aber fährt zur Selbstfindung nach Baku.

Fades Luxusleben

Hier organisiert die Jeunesse dorée nächtliche Autorennen durch das Stadtgebiet, bei denen schon mal ein paar unschuldige Opfer den Straßenrand säumen, um ein wenig Spaß ins fade Luxusleben zu bringen. Der Hauch von politischem Protest, den die Autorin in diesen Wahnsinn hineinzuinterpretieren versucht, ist mehr schockierend denn glaubwürdig.

Leyla gewinnt eines dieser illegalen Stadtrennen. Leider wird sie dann von der Polizei geschnappt und ziemlich rüde behandelt, was die Angehörigen der bisherigen Opfer dieser Unterhaltungen vielleicht gar nicht so ungerecht finden. Altay reist - trotz seiner Vorbehalte gegen Jonoun in ihrer Begleitung - pflichtschuldig zur Rettung Leylas an und kauft sie aus dem Gefängnis frei.

Zur Erholung unternimmt Leyla dann im Luxusauto ihres Vaters mit Jonoun eine Reise durch Aserbaidschan, Georgien und Armenien, während Altay sich mit einem Farid vergnügt. Wie in allen anderen Fällen werden dessen Aussehen und Kleiderusancen ausführlich beschrieben, doch das bleibt Dekor, auch für die Figuren selbst. Als das Ehepaar schließlich nach Berlin zurückkehrt, bedauert Leyla das Ende von Altays Beziehung zu Farid, denn der war doch ein sehr schöner Mann.

Vielleicht ist es gerade diese Orientierung auf die Oberfläche der Körper und Dinge, die den Nerv der Zeit entspricht, auch wenn es in Summe doch eine recht kleine Welt ergibt.

Olga Grjasnowa "trifft aus dem Stand den Nerv ihrer Generation", urteilte Die Zeit 2012 über ihren Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", und: "Hier kommt die Welt zu Ihnen, wie sie noch nie zu Ihnen gekommen ist in einem Roman", lautet einer der journalistischen Werbesprüche am Umschlag ihres Buches "Die juristische Unschärfe einer Ehe". Es scheint aktuell eine feste Überzeugung, dass in Romanen mit exotischen Figuren oder Schauplätzen automatisch "die Welt" sichtbar wird. Dieses Buch jedenfalls zeigt vielleicht mehr, dass es auf Dauer ordentlich frustrierend ist, wenn Lebensorte und Sexualpartner allzu rasch gewechselt werden.

Freundschaftliche Scheinehe

"Wir sind eher die Geschwister Scholl als Tristan und Isolde", sagt im Roman die lesbische Balletteuse und ehemalige Bolschoi-Elevin zu ihrem homosexuellen Ehemann und Psychiater Altay. Die beiden kommen aus Baku, haben einander in Moskau kennengelernt und leben nun in Berlin in einer freundschaftlichen Scheinehe. Der Satz markiert den radikalen Verlust aller (politischen) Bezugssysteme und Koordinaten. Während bei Tristan und Isolde ein Liebestrank für Dramatik sorgt, riskierten die Geschwister Scholl ihr Leben für den Kampf gegen ein unmenschliches System.

Das tut im hier gewählten Milieu keiner, allenfalls geht es um Gleichberechtigung für Homosexuelle und Lesben. Im Berliner Boboville braucht man dafür freilich keinen Kampf zu führen, die Figuren leben von Clubevent zu Drogen-Party, stets auf der Jagd nach erotischen Abenteuern. Jenseits davon passiert nicht allzu viel. Die beiden Hauptfiguren kommen aus wohlhabenden, aber reichlich verrotteten Familien Bakus, die anderen sind Teil des creative-industries-Jetsets mit Aufstiegsambitionen. Diese Art von Schickeria aber ist in Baku nicht prinzipiell anders organisiert als in Moskau oder Berlin.

Leyla jedenfalls verliert in Berlin zunehmend den Boden unter den Füßen - auch wörtlich. Sie verstaucht sich just in dem Moment den Fuß, in dem sie endlich ein Engagement bekommt, und zwar im Schock über die Mitteilung ihrer aktuellen Geliebten Jonoun, dass sie mit einem Mann geschlafen habe. Jonoun kommt aus einer amerikanischen Emigrantenfamilie, hat ihren Professor geheiratet und nach drei Jahren wieder verlassen, um sich mehr ihrer eigenen Generation zuzuwenden. Jetzt kellnert sie in Berlin. Ihr erster Sexualpartner nach Leyla muss just der Großneffe des Schlächters von Vilnius sein, das Ende dieser Beziehung ist vorprogrammiert. Leyla aber fährt zur Selbstfindung nach Baku.

Fades Luxusleben

Hier organisiert die Jeunesse dorée nächtliche Autorennen durch das Stadtgebiet, bei denen schon mal ein paar unschuldige Opfer den Straßenrand säumen, um ein wenig Spaß ins fade Luxusleben zu bringen. Der Hauch von politischem Protest, den die Autorin in diesen Wahnsinn hineinzuinterpretieren versucht, ist mehr schockierend denn glaubwürdig.

Leyla gewinnt eines dieser illegalen Stadtrennen. Leider wird sie dann von der Polizei geschnappt und ziemlich rüde behandelt, was die Angehörigen der bisherigen Opfer dieser Unterhaltungen vielleicht gar nicht so ungerecht finden. Altay reist - trotz seiner Vorbehalte gegen Jonoun in ihrer Begleitung - pflichtschuldig zur Rettung Leylas an und kauft sie aus dem Gefängnis frei.

Zur Erholung unternimmt Leyla dann im Luxusauto ihres Vaters mit Jonoun eine Reise durch Aserbaidschan, Georgien und Armenien, während Altay sich mit einem Farid vergnügt. Wie in allen anderen Fällen werden dessen Aussehen und Kleiderusancen ausführlich beschrieben, doch das bleibt Dekor, auch für die Figuren selbst. Als das Ehepaar schließlich nach Berlin zurückkehrt, bedauert Leyla das Ende von Altays Beziehung zu Farid, denn der war doch ein sehr schöner Mann.

Vielleicht ist es gerade diese Orientierung auf die Oberfläche der Körper und Dinge, die den Nerv der Zeit entspricht, auch wenn es in Summe doch eine recht kleine Welt ergibt.