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Feuilleton

"Der Mensch ist nicht einer"

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 130 Jahren erschienen, fasziniert "Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde" heute noch: wegen des erstaunlichen Blicks in menschliche Abgründe.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 130 Jahren erschienen, fasziniert "Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde" heute noch: wegen des erstaunlichen Blicks in menschliche Abgründe.

Es gibt literarische Figuren, die bekannter sind als das Werk, dem sie entstiegen: Dr. Jekyll, der tagsüber ein ehrbares Leben lebt und nachts als Hyde unaussprechliche Schandtaten begeht, gehört wohl dazu - nicht zuletzt aufgrund unzähliger Verfilmungen und anderer künstlerischer Nachgestaltungen. Dabei lohnt ein Blick in den Text von Robert Louis Stevenson, auch um wieder einmal zu entdecken, dass sich in Literatur Analysen vorfinden, die auch die Wissenschaft (später) beschäftigen wird - kein Wunder, dass Sigmund Freud so gerne auf Literatur zurückgriff.

1885 ist das Werk an der englischen Kanalküste entstanden. Der Mythos will einen niedergeschriebenen Albtraum des Autors darin sehen, Literaturwissenschafter behaupten, Stevenson habe für seine Idee auf Mary Shelleys Frankenstein ebenso zurückgegriffen wie auf Edgar Allen Poes "William Wilson". Die Atmosphäre ist von Anfang an durch Hell und Dunkel geprägt, durch Tag und Nacht, die Stadt hat schmucke Straßen und Fassaden, zeigt aber in den Hinterhöfen und Nebengassen ihre finstere Seite, und so klar dies anfangs alles getrennt scheint: Der Nebel wird auch ins Innere der Häuser, das heißt in die Wohnzimmer der Zivilisation dringen.

Viele Bewohner in einem Ich

Im Vordergrund des Werkes, in dem Jekyll so lange an sich experimentiert, bis er eines Tages zu seinem Entsetzen bemerken muss, den Jekyll in sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, steht nicht so sehr die Kritik an maßlosem naturwissenschaftlichen Interesse, sondern die Handlung treibt auf die unheimliche Erkenntnis zu, "dass der Mensch in Wahrheit nicht einer, sondern in Wahrheit zwei ist". Das liest man am Ende in einem das Geheimnis lüftenden Brief von Jekyll - wie überhaupt viel durch Erzählungen anderer oder durch Briefe berichtet werden, also durch viele Stimmen, die jeweils anderes sehen und sprechen.

"Ich sage zwei, weil der Status meiner eigenen Erkenntnis über diesen Punkt nicht hinausgeht", schreibt Jekyll in der Übersetzung von Mirko Bonné geradezu prophetisch weiter. "Andere werden folgen, andere werden mich auf demselben Weg überholen, und ich wage die Einschätzung, dass man den Menschen dereinst als reines Gemeinwesen vielfältiger, nicht zusammenpassender und voneinander unabhängiger Bewohner ansehen wird." Das also legt Stevenson seinem Protagonisten Jekyll in die Schreibfeder, im Jahr 1885: Ich ist viele.

Mit seinem Trank sei es ihm gelungen, schreibt Jekyll in seinem Brief weiter, sich eine Gestalt und ein Gesicht zu schaffen, in denen sich "die niederen Elemente" seiner Seele ausdrücken. Die Darstellung eben dieser grauenerregenden Gestalt forderte Film und Bühne, Mimik und Maske heraus. Auch Illustratoren stellte es vor ein Problem, oft entstanden dabei affenartige Gestalten, wie auch in der jüngsten von Robert de Rijn nicht sehr innovativ illustrierten Ausgabe.

Die Literatur hingegen kann die Fantasie der Leser ganz anders anfachen. Das Grauen wird gerade dadurch zum Grauen, weil es für keinen von jenen, die Hyde je gesehen haben, eine Sprache dafür gibt, ihn zu beschreiben, die wahrgenommene "Missbildung" zu erklären.

Die Fantasie wird auch dadurch angefacht, dass bis auf wenige bekannte Gewaltakte nie erläutert wird, welchen verbrecherischen Lüsten Hyde nachts frönt. Ob es sich um ein im viktorianischen Zeitalter völlig unakzeptables ausschweifendes Sexualleben handelt, bleibt der Fantasie der Leser überlassen. Als "berauschende Leichtfertigkeit" beschreibt Jekyll seine Selbsterfahrung am Vergnügen, andere zu quälen, "dass ich böser, zehnmal böser geworden war, ein Sklave, verkauft an das ursprüngliche Böse in mir."

Nicht nur Weinaroma

Damit ist Stevensons Prosa wohl auch als Kommentar zur viktorianischen Gesellschaft zu lesen. In den männlichen Salons (Frauen treten nur am Rande und nur als Dienerinnen oder Opfer in Erscheinung), wird feinster Wein getrunken - "Dieses Buch verströmt ein herrliches Weinaroma", meinte denn auch Vladimir Nabokov -, die Herren sind Doktoren, Ärzte oder Juristen, von gepflegtem Aussehen und Umgang.

Was dahinter lauert - nach Freud würde man sagen: was unterdrückt wird -, das erzählt Stevensons Schauergeschichte. Zum Vorschein kommt dabei der wahnsinnige Hang des Menschen zum Bösen, aber auch die moralische Gleichgültigkeit, zu der Menschen fähig sind, die weintrinkend in ihren Salons sitzen und über die Unmoral der Welt diskutieren.

Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Von Robert Louis Stevenson

Reclam 2015

121 Seiten, geb., € 23,60

Es gibt literarische Figuren, die bekannter sind als das Werk, dem sie entstiegen: Dr. Jekyll, der tagsüber ein ehrbares Leben lebt und nachts als Hyde unaussprechliche Schandtaten begeht, gehört wohl dazu - nicht zuletzt aufgrund unzähliger Verfilmungen und anderer künstlerischer Nachgestaltungen. Dabei lohnt ein Blick in den Text von Robert Louis Stevenson, auch um wieder einmal zu entdecken, dass sich in Literatur Analysen vorfinden, die auch die Wissenschaft (später) beschäftigen wird - kein Wunder, dass Sigmund Freud so gerne auf Literatur zurückgriff.

1885 ist das Werk an der englischen Kanalküste entstanden. Der Mythos will einen niedergeschriebenen Albtraum des Autors darin sehen, Literaturwissenschafter behaupten, Stevenson habe für seine Idee auf Mary Shelleys Frankenstein ebenso zurückgegriffen wie auf Edgar Allen Poes "William Wilson". Die Atmosphäre ist von Anfang an durch Hell und Dunkel geprägt, durch Tag und Nacht, die Stadt hat schmucke Straßen und Fassaden, zeigt aber in den Hinterhöfen und Nebengassen ihre finstere Seite, und so klar dies anfangs alles getrennt scheint: Der Nebel wird auch ins Innere der Häuser, das heißt in die Wohnzimmer der Zivilisation dringen.

Viele Bewohner in einem Ich

Im Vordergrund des Werkes, in dem Jekyll so lange an sich experimentiert, bis er eines Tages zu seinem Entsetzen bemerken muss, den Jekyll in sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, steht nicht so sehr die Kritik an maßlosem naturwissenschaftlichen Interesse, sondern die Handlung treibt auf die unheimliche Erkenntnis zu, "dass der Mensch in Wahrheit nicht einer, sondern in Wahrheit zwei ist". Das liest man am Ende in einem das Geheimnis lüftenden Brief von Jekyll - wie überhaupt viel durch Erzählungen anderer oder durch Briefe berichtet werden, also durch viele Stimmen, die jeweils anderes sehen und sprechen.

"Ich sage zwei, weil der Status meiner eigenen Erkenntnis über diesen Punkt nicht hinausgeht", schreibt Jekyll in der Übersetzung von Mirko Bonné geradezu prophetisch weiter. "Andere werden folgen, andere werden mich auf demselben Weg überholen, und ich wage die Einschätzung, dass man den Menschen dereinst als reines Gemeinwesen vielfältiger, nicht zusammenpassender und voneinander unabhängiger Bewohner ansehen wird." Das also legt Stevenson seinem Protagonisten Jekyll in die Schreibfeder, im Jahr 1885: Ich ist viele.

Mit seinem Trank sei es ihm gelungen, schreibt Jekyll in seinem Brief weiter, sich eine Gestalt und ein Gesicht zu schaffen, in denen sich "die niederen Elemente" seiner Seele ausdrücken. Die Darstellung eben dieser grauenerregenden Gestalt forderte Film und Bühne, Mimik und Maske heraus. Auch Illustratoren stellte es vor ein Problem, oft entstanden dabei affenartige Gestalten, wie auch in der jüngsten von Robert de Rijn nicht sehr innovativ illustrierten Ausgabe.

Die Literatur hingegen kann die Fantasie der Leser ganz anders anfachen. Das Grauen wird gerade dadurch zum Grauen, weil es für keinen von jenen, die Hyde je gesehen haben, eine Sprache dafür gibt, ihn zu beschreiben, die wahrgenommene "Missbildung" zu erklären.

Die Fantasie wird auch dadurch angefacht, dass bis auf wenige bekannte Gewaltakte nie erläutert wird, welchen verbrecherischen Lüsten Hyde nachts frönt. Ob es sich um ein im viktorianischen Zeitalter völlig unakzeptables ausschweifendes Sexualleben handelt, bleibt der Fantasie der Leser überlassen. Als "berauschende Leichtfertigkeit" beschreibt Jekyll seine Selbsterfahrung am Vergnügen, andere zu quälen, "dass ich böser, zehnmal böser geworden war, ein Sklave, verkauft an das ursprüngliche Böse in mir."

Nicht nur Weinaroma

Damit ist Stevensons Prosa wohl auch als Kommentar zur viktorianischen Gesellschaft zu lesen. In den männlichen Salons (Frauen treten nur am Rande und nur als Dienerinnen oder Opfer in Erscheinung), wird feinster Wein getrunken - "Dieses Buch verströmt ein herrliches Weinaroma", meinte denn auch Vladimir Nabokov -, die Herren sind Doktoren, Ärzte oder Juristen, von gepflegtem Aussehen und Umgang.

Was dahinter lauert - nach Freud würde man sagen: was unterdrückt wird -, das erzählt Stevensons Schauergeschichte. Zum Vorschein kommt dabei der wahnsinnige Hang des Menschen zum Bösen, aber auch die moralische Gleichgültigkeit, zu der Menschen fähig sind, die weintrinkend in ihren Salons sitzen und über die Unmoral der Welt diskutieren.

Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Von Robert Louis Stevenson

Reclam 2015

121 Seiten, geb., € 23,60