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Feuilleton

Ein Bilderbogen zu Dekonstruktion und Destruktion des Politischen

1945 1960 1980 2000 2020

"Loro -Die Verführten": Paolo Sorrentinos opulente Abrechnung mit der Ära Berlusconi erweist sich auch als aktuelle Zeitdiagnose -nicht nur der italienischen Verhältnisse.

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"Loro -Die Verführten": Paolo Sorrentinos opulente Abrechnung mit der Ära Berlusconi erweist sich auch als aktuelle Zeitdiagnose -nicht nur der italienischen Verhältnisse.

Zwölf Jahre ist es bereits her, dass Nanni Moretti sich filmisch böse in "Il Caimano" über Slivio Berlusconi als kleines Krokodil lus tig machte. Schon damals schien der politische Ego-Shooter eher auf dem absteigenden Ast zu sein, anno 2018 sind die Impertinenzen des Medien-, Bau-Tycoons und Bunga-Bunga-Spezialisten in Italiens Politik fast schon Geschichte. Insofern fragt man sich, warum Paolo Sorrentino, einer der wichtigsten aktuellen Filmemacher Italiens, sich dieses Irrlichts der italienischen Politik annimmt. Ein Film post festum also.

Aber es gibt Gründe, warum "Loro -Die Verführten" doch zur Zeitdiagnose zum Ende des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends taugt. Denn auch wenn seine Macht nicht mehr wiederkommen wird: Die Destruktion bzw. die Dekonstruktion des Politischen durch Silvio Berlusconi wird erst jetzt so richtig offenbar - und zwar beileibe nicht nur in der italienischen Spielart.

Das beginnt beim Elend des Fernsehens, das dank Berlusconi auf der Apennin-Halbinsel zu einer irrelevanten Dauerberieselung aus Quiz-, Spiel-und Werbe-Formaten wurde. Und das führt sich weiter im Konglomerat aus Unernsthaftigkeit -sozusagen: ewig Party! - der regierenden Clique auf Kosten der Wirtschaft und der meisten Italiener, die aber bekanntlich den Cavaliere Wahl um Wahl soviel Macht gaben, dass er jedenfalls bis in die 2010er-Jahre an selbiger bleiben konnte.

"Loro"(das italienische Wort für "sie") ist auf den ersten Blick kein politisches Kino. Der Film erzählt das Treiben von Berlusconi und seiner Entourage der Jahre 2006 bis 2010. Das Ganze endet, als Ehefrau Veronica Lario den Göttergatten endlich verlässt. Eine fiktionale Geschichte, die aber soviel Nichtfiktionales enthält, dass die Protagonisten jedenfalls klar erkennbar bleiben.

Im strengen Sinn legt Sorrentino in "Loro" gar keine Handlung vor. Das haben Kritiker des Films auch moniert. In Wirklichkeit ist dieses Panoptikum aus Party, Sex(fantasien) und machtpolitisch abgekarteten Dialogen, die immer wieder ins Leere laufen, aber ein geniales Stilmittel, mit dem der Regisseur die Hohlheit der Berlusconi-Herrschaft aufs Tapet bringt. Er habe die optischen Möglichkeiten dieser Herrschaft darstellten wollen, ließ der Regisseur in Interviews verlauteten.

Genau darin liegt der Reiz von "Loro": Wenn jemand den Hedonismus zur politischen Maxime erhoben hat, dann war es Silvio Berlusconi. Und das ist viel besser durch einen pittoresken Bilderbogen darzulegen als durch eine politische Parabel oder durch dokumentarisches Kino. Obwohl: So absurd sich diese Partylandschaft auf Sardinien und anderswo zwischen Adria und Tyrrhenischem Meer zeigt, so absurd war (und ist) das politische Treiben dieser Clique und ihrer Claqueure.

Zwei Darstellern gebührt das Verdienst, dass dieses Konzept auch schauspielerisch aufgeht: Toni Servillo kommt in Physiognomie und Mimik tatsächlich dem Protagonisten des Films nahe. Auch sein sphinxhaftes Verhalten wird durch diesen Volksschauspieler durch und durch glaubwürdig. Als kongeniale Partnerin/Gegnerin firmiert Elena Sofia Ricci in der Rolle der Veronica Lario, jener Frau, die sich fast alles gefallen ließ, aber die den Cavaliere 2010 wirklich alt aussehen ließ. Endlich.

Loro -Die Verführten I/F 2018. Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servillo, Elena Sofia Ricci, Riccardo Scaramarcio, Kasia Smutniak. Filmladen. 145 Min.