Ein Dinosaurier der Opernwelt

Er ist nicht alt, obwohl er demnächst 75 wird. Einer der Gründe dafür ist, dass er sich nie jünger gemacht hat. Ioan Holender hat sich weder die Haare färben lassen, noch hat er besondere Diäten über sich ergehen lassen. Tennis ist sein Leibsport, mit dem er sich fit hält. Der überaus selbstbewusste Direktor, der sich nach nahezu zwei Jahrzehnten von der Wiener Staatsoper verabschiedet hat, um sich zahlreichen spannenden Aufgaben zwischen New York, Tokio, Bukarest und Budapest zuzuwenden, wirkt flexibler und schlauer als so manch einer seiner jüngeren Kollegen.

Dennoch nenne ich ihn einen Dinosaurier der Oper; denn Ioan Holender ist als Manager einfach nicht zeitgemäß. Ein Mann, der Verantwortung trägt und Entscheidungen trifft, ist ein Störenfried. Hat man sich doch an das Credo heutiger Kleindarsteller in den höchsten Positionen längst gewöhnt, das da heißt: nur niemandem wehtun, keine Wählerstimme verärgern, für die eigene Tasche arbeiten und möglichst nicht auffallen, um so lang wie möglich an der Macht zu bleiben. Verantwortung trägt man nicht, sondern delegiert sie, teilt sie in einem Gremium auf und verwässert sie bis zur Unkenntlichkeit. Der sinnlose Ehrgeiz, als weltweit anerkannter Kenner von Stimmen sich jeden Abend Opern anzuhören und neue Talente zu entdecken, wirkt besonders altmodisch. Berufliche Leidenschaft ist uncool und unpassend.

Und da wäre noch der berüchtigte Geiz. Keine Taxifahrten, keine überhöhten Hotelrechnungen, keine Lust an Champagnerbuffets. Welche Trostlosigkeit! Ein Direktor, der mit der Seniorenkarte U-Bahn fährt! Welch Imageschaden für einen staatlichen Betrieb! Ging doch die Schnorrerei so weit, dass die Staatsoper in Krisenzeiten 12 Millionen Euro einsparte. Was für ein Schaden für die Spesenritter aller Sparten! Was für eine Blamage für die Republik! Wirklich Zeit, dass solche Leute abtreten.

* Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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