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Feuilleton

Hoch intelligent und zugleich KINDLICH NAIV

1945 1960 1980 2000 2020

Die deutsche Regisseurin Cosima Lange begleitete den Ausnahmepianisten David Helfgott und seine Frau Gillian sieben Wochen lang auf dessen Europatournee 2012.

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Die deutsche Regisseurin Cosima Lange begleitete den Ausnahmepianisten David Helfgott und seine Frau Gillian sieben Wochen lang auf dessen Europatournee 2012.

Hello I am David! - Eine Reise mit David Helfgott" ist der zweite Musikdokumentarfilm von Cosima Lange. Zum Film ist die deutsche Regisseurin durch die Chorreisen gekommen, die sie selbst miterlebt hat.

Die Furche: Ihr erster Dokumentarfilm porträtierte Chamamé-Musiker in Argentinien. Wie kam es zum Film über David Helfgott?

Cosima Lange: 2010 suchte Walter Schirmek, der Intendant der Stuttgarter Staatsoper, der Helfgott auf Europatournee bringen wollte, jemanden, der das filmisch begleitet. Ich hatte "Shine" gesehen und die Darstellung von Geoffrey Rush, der darin David Helfgott spielte, hatte mich nicht mehr losgelassen. Ich habe ihn dann 2011 tatsächlich das erste Mal live spielen gehört. Der Schlüssel zu ihm ist aber seine Frau Gillian.

Die Furche: Wie lange haben Sie die beiden begleitet?

Lange: Über sieben Wochen lang im Jahr 2012, ich durfte überall dabei sein. Daraus entstanden 180 Stunden Filmmaterial.

Die Furche: Dass Sie im Film auch ab und zu selbst zu sehen sind, lag offenbar nicht in Ihrer Entscheidungsmacht: Helfgott zieht sie wörtlich in den Film und vor die Kamera.

Lange: David sucht ständig den menschlichen körperlichen Kontakt, er zieht einen buchstäblich in seine Welt. Das hat mich anfangs irritiert, aber jetzt vermisse ich es.

Die Furche: Welche formalen Entscheidungen waren wichtig, um David für den Film in seiner Musikalität einzufangen?

Lange: Vor allem, visuelle Nähe herzustellen, auch mit der Kamera sehr nah an David zu sein. Bei ihm spiegelt sich viel im Gesicht, er redet ja während des Spielens und er wirkt wie ein Katalysator für die Musik. Ich wollte ihm auch direkt auf die Finger schauen.

Die Furche: Sie lassen manches aus - auch die Kontroverse, die es nach "Shine" um die korrekte Darstellung von Davids Biografie gegeben hat, die vor allem im Buch seiner Schwester Margaret anders beleuchtet wird.

Lange: Ich hatte für den gesamten Film freie Hand. Natürlich hatte ich Gillians und auch Margarets Bücher über David gelesen. Ich habe mich auch mit seiner jüngsten Schwester getroffen. Jeder hat einen anderen Blick darauf, wie die Beziehung zwischen David und seinem Vater wirklich war, und was Davids Zusammenbruch schließlich auslöste. Mir hat sehr eingeleuchtet, was Gillian einmal sagt: In den ersten 12 Jahren ihrer Beziehung mit David hatte sie das Gefühl, auch ständig seinen Vater dabei zu haben, selbst im Schlafzimmer. Wenn man David aber heute ansieht, merkt man ganz deutlich: Er lebt im Hier und Jetzt, und das tut er aus Überzeugung. Das war auch mein persönlicher Fokus: die Gegenwart.

DIE FURCHE: Er sagt immer: "Everything is planned."

Lange: Damit bezieht er sich darauf, dass es eine bestimmte Ordnung gibt im Universum. Es ist für ihn aber auch eine Legitimation, doch im Moment leben zu können, weil ohnehin alles kommt, wie es kommen soll.

DIE FURCHE: Was hat Sie an David Helfgott am meisten beeindruckt?

Lange: Menschen, die von David Helfgott sprechen, benutzen oft große weite Begriffe. Er spielt Stücke so, dass manche sie als Gotteserfahrung bezeichnen, als hätte David eine Wunderheiler-Wirkung. Tatsächlich drückt er durch seine unverstellte Kindlichkeit, seine Körperlichkeit und seine Direktheit unmittelbare Liebe aus und überträgt sie auf jeden, der sie zulässt. Diese Liebe ist auch sein Sein in der Musik. Er ist ein hoch intelligenter Mensch, hat ein unfassbares Gedächtnis und ist gleichzeitig kindlich naiv.

DIE FURCHE: Jedenfalls kann er nicht mit Geld umgehen

Lange: Dafür hat er Gillian. Ob es sich um Schokolade oder einen Diamanten handelt, immer würde er sagen: "Oh, that must cost a fortune." Er weiß nicht direkt um seinen finanziellen Wert, aber er ist sich doch bewusst, dass er arbeitet, und damit die Familie ernährt. Und dafür ist er dankbar.