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Junge Regisseurin entdeckt das Alter

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"Alles was kommt": Isabelle Huppert brilliert in Mia Hansen-Løves brilliantem Film als alternde Philosophieprofessorin.

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"Alles was kommt": Isabelle Huppert brilliert in Mia Hansen-Løves brilliantem Film als alternde Philosophieprofessorin.

Der Silberne Bär der Berlinale 2016 für die Beste Regie bei "Alles was kommt" stellt bloß einen Markstein der Karriere von Mia Hansen-Løve dar. Die Französin gehört längst zu den wichtigen Filmemacherinnen Europas, und ihre bisherigen vier Spielfilme ("Tout est pardonné, 2005, oder "Eden", 2014) erwiesen sich als vielschichtige Reflexionen zu Themen wie Beziehung oder Familie, wobei das Plädoyer für die Lebenskompetenz der Jugend den unverkennbaren Unterton bildete.

Nun, mit 35, hat Hansen-Løve das Alter entdeckt, zumindest thematisiert sie es in "Alles was kommt". Und mit Isabelle Huppert, der unangefochtenen Grande Dame des französischen Films, gelingt ihr eine exzeptionelle Studie der Unwirtlichkeiten des Menschseins an der Schwelle zum Stadium der "Best Ager", wie Werbefuzzis das fortgeschrittene Lebensalter euphemistisch zu verschönern suchen. Nathalie, Philosophieprofessorin an einem Lycée sowie Autorin einschlägiger Schulbücher, widerfährt so ziemlich alles, was einem das Leben vermiesen kann: Die Kinder sind beinahe schon aus dem Haus, als der Göttergatte nach 25 Jahren Ehe beschließt, Nathalie für seine Freundin zu verlassen. Nathalies Mutter, die mit ihren Depressionen die Tochter terrorisiert, muss ins Heim und verstirbt schließlich. Und der Verlag, bei dem Nathalie ihre Schulbücher sowie eine philosophische Essay-Reihe verlegt, findet das Œuvre von Nathalie altgevatterisch und will es daher aus dem Verlagsprogramm streichen. Zumindest kündigt der junge Schnösel, der dort nun das Sagen hat, dies an.

Vordergründig nimmt Nathalie diese Schläge ungerührt hin. Es bringt sie auch nicht aus der Fassung, als ihr Ex-Gespons -Philosoph wie sie, allerdings im Gegensatz zu ihr eher konservativen Denkrichtungen zuneigend -ihre philosophische Bibliothek plündert. Immerhin kann sie ihre Kontakte zum ehemaligen Lieblingsschüler Fabien auffrischen, der in einer Art Kommune in den Alpen lebt und als freier Schriftsteller tätig ist. Dorthin zieht sich Nathalie zwecks Lebenswegfindung des Öfteren zurück, auch wenn sie die ihrer Profession gemäße umfassende Schau der philosophischen Entwürfe davon abhält, allzu pathetisch auf ein neues Leben zu hoffen.

Das Leben ereignet sich weder als romantische Erfüllung, noch lässt sich die denkerische Arbeit, die Nathalie seit Jahren leistet, eins zu eins in einen Erfolg münzen. Geradezu ironisch, aber gleichzeitig mit einem geerdet realistischen Blick entwickelt "Alles was kommt" die Perspektiven, die einer alternden, verlassenen Intellektuellen dennoch bleiben. Es ist erstaunlich, mit welch reifer Welt- und Menschensicht Mia Hansen-Løve trotz ihrer Jugend bereits gesegnet ist. Sie lässt nicht nur die Huppert eine Desillusionierte spielen, sondern sie desillusioniert ihr Publikum auf Schritt und Tritt. Und gleichzeitig färbt weder die Depression von Nathalies Mutter auf den Film ab, noch bleibt ein sauertöpfischer Nachgeschmack. Im Gegenteil: Isabelle Huppert stellt eine verschmitzte, lebenskluge und trotz aller Schicksalsschläge ganz und gar nicht lebensmüde Protagonistin dar, die sich keiner billigen Melodramatik unterwirft.

Nathalie könnte nun, vom Gatten und den Kindern befreit, eine neue Beziehung mit einem Mann eingehen. Aber das wäre wohl zu billig und zu vorhersehbar -auch was den Fortgang solchen Lebensversuchs betrifft

Alles was kommt (L'Avenir) F/D 2016. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Isabelle Huppert, André Marçon, Roman Kolinka, Edith Scob. Filmladen. 100 Min.

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