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Feuilleton

Missglückte Heimkehr

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ivan Ivanji erinnert schreibend an die Toten.

Auf Einladung der Bibliothek kommt der Erzähler des neuen Romans von Ivan Ivanji jährlich zu einer Lesung in seine Heimatstadt, die in der serbischen Vojvodina zwischen Theiss und Donau liegt. Als er sich nach Jahren Zeit für einen längeren Spaziergang durch die einst vielsprachige und multikulturelle Provinzstadt nimmt, wird er, der unverkennbar Züge des Autors trägt, von den Geistern seiner toten Mitbürger aufgefordert, doch endlich über sie zu schreiben und ihre Hunde nicht zu vergessen.

Ivan Ivanji verfolgt in "Geister aus einer kleinen Stadt" unterschiedliche Lebensläufe. Das Arztehepaar, der Apotheker, der Holzhändler, die Modistin, der Pope, der Buchhändler und der singende Rechtsanwalt, mit ihren Familien und ihren Hunden vom Pudel bis zur Dogge - sie alle leben in der trügerischen Kleinstadtidylle der dreißiger Jahre. Die verschiedenen Nationalitäten und Religionen leben in freundlicher Nachbarschaft, "abseits stehen nur die Zigeuner". Kaum einer dieser Menschen und Hunde wird die brutalen Gewaltverbrechen überleben.

Ivan Ivanji, geboren 1927 in Groß-Betschkerek, heute Zrenjanin, überlebte Auschwitz und Buchenwald, seine Eltern wurden ermordet. Der Autor nützt die dichterische Freiheit und vermischt Fakten und Erfindungen, lässt jene Menschen überleben, die ermordet wurden, und jene sterben, die überlebt haben. Einzig die Täter werden bei ihren richtigen Namen genannt wie der Belgrader KZ-Kommandant Herbert Andorfer, der nach dem Krieg als österreichischer Staatsbürger "ein schönes Leben als rüstiger alter Herr in Bad Goisern" genoss. Am Ende findet der heimgekehrte Sohn der Modistin die Stadt seiner Kindheit nicht wieder. Ivan Ivanjis ebenso lakonisch wie distanziert geschriebener Roman macht auf berührende und beklemmende Weise deutlich, dass nach dem Holocaust nichts mehr so ist, wie es war.

Geister aus einer kleinen Stadt

Roman von Ivan Ivanji

Picus 2008. 199 S., geb., € 19,90

Ivan Ivanji erinnert schreibend an die Toten.

Auf Einladung der Bibliothek kommt der Erzähler des neuen Romans von Ivan Ivanji jährlich zu einer Lesung in seine Heimatstadt, die in der serbischen Vojvodina zwischen Theiss und Donau liegt. Als er sich nach Jahren Zeit für einen längeren Spaziergang durch die einst vielsprachige und multikulturelle Provinzstadt nimmt, wird er, der unverkennbar Züge des Autors trägt, von den Geistern seiner toten Mitbürger aufgefordert, doch endlich über sie zu schreiben und ihre Hunde nicht zu vergessen.

Ivan Ivanji verfolgt in "Geister aus einer kleinen Stadt" unterschiedliche Lebensläufe. Das Arztehepaar, der Apotheker, der Holzhändler, die Modistin, der Pope, der Buchhändler und der singende Rechtsanwalt, mit ihren Familien und ihren Hunden vom Pudel bis zur Dogge - sie alle leben in der trügerischen Kleinstadtidylle der dreißiger Jahre. Die verschiedenen Nationalitäten und Religionen leben in freundlicher Nachbarschaft, "abseits stehen nur die Zigeuner". Kaum einer dieser Menschen und Hunde wird die brutalen Gewaltverbrechen überleben.

Ivan Ivanji, geboren 1927 in Groß-Betschkerek, heute Zrenjanin, überlebte Auschwitz und Buchenwald, seine Eltern wurden ermordet. Der Autor nützt die dichterische Freiheit und vermischt Fakten und Erfindungen, lässt jene Menschen überleben, die ermordet wurden, und jene sterben, die überlebt haben. Einzig die Täter werden bei ihren richtigen Namen genannt wie der Belgrader KZ-Kommandant Herbert Andorfer, der nach dem Krieg als österreichischer Staatsbürger "ein schönes Leben als rüstiger alter Herr in Bad Goisern" genoss. Am Ende findet der heimgekehrte Sohn der Modistin die Stadt seiner Kindheit nicht wieder. Ivan Ivanjis ebenso lakonisch wie distanziert geschriebener Roman macht auf berührende und beklemmende Weise deutlich, dass nach dem Holocaust nichts mehr so ist, wie es war.

Geister aus einer kleinen Stadt

Roman von Ivan Ivanji

Picus 2008. 199 S., geb., € 19,90