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Feuilleton

Musterbuch der Todesfälle

1945 1960 1980 2000 2020

Dietmar Grieser taucht eigenartige Todesumstände bekannter Leute in ein elegisches Licht.

1945 1960 1980 2000 2020

Dietmar Grieser taucht eigenartige Todesumstände bekannter Leute in ein elegisches Licht.

Keine Angst vor Dietmar Griesers schmalem Band "Im Dämmerlicht", auch wenn darin ein Buch lang in allen Tonarten gestorben wird. Denn bei Grieser geschieht das Tragische mit Stil. Nicht immer das Sterben selbst, sehr wohl aber dessen Schilderung. Vor allem aber waltet Distanz.

Immer schon ein Merkmal dieses Autors, wird der gelassene Ton in diesem Buch über "Ungewöhnliche Todesfälle" zum Stilmittel jener elegischen Besinnlichkeit, die wir uns angesichts der vielen Jahrzehnte, die seit diesen tragischen Geschichten vergangen sind, wohl leisten dürfen. Der Grabstein der Effi Briest ist längst verwittert, auch wenn sie nicht alsbald an gebrochenem Herzen, sondern erst mit 98 Jahren starb. Die Frau, deren Schicksal Theodor Fontane zu seinem berühmtesten Roman anregte, hieß übrigens Elisabeth von Ardenne. Der Großvater jenes genialen Wissenschaftlers Manfred von Ardenne, dem die DDR zahlreiche Privilegien gewährte, hatte einst die Großmutter verstoßen und ihren Liebhaber im Duell erschossen. Von seiner zweijährigen Festungshaft brauchte er nur 18 Tage abzusitzen und wurde anschließend sogar befördert.

Insgesamt 15 ungewöhnliche Todesfälle werden geschildert. Darunter der Selbstmord der tragischen Figur Paul Kammerer, der, um Darwin zu widerlegen, das Präparat eines Feuersalamanders gefälscht haben sollte, was aber alles andere als bewiesen ist. Darunter der Tod des Dichters Ödön von Horvath mit seinen unheimlichen Begleitumständen, der tödliche Unfall des Filmregisseurs ("Tabu") und Tabu-Verletzers Friedrich Wilhelm Murnau, des Kemal Atatürk, des Komponisten Anton Webern, der 1945 in Mittersill von einem amerikanischen Soldaten erschossen wurde, als er sich abends vor dem Haus eine Zigarette anzündete. Die schrecklichste Geschichte 'ist die des in eine Wahnwelt abgedrifteten Psychologen Wilhelm Reich, der als Kind den von ihm beobachteten Ehebruch der Mutter verraten und mittelbar den Tod seiner Eltern verursacht hatte.

Die schönste Stelle des Buches ist wohl, im Kapitel über das Verschwinden des 1944 auf einem Aufklärungsflug verschollenen Dichters Antoine de Saint-Exupery, jene, in der Dietmar Grieser in der New Yorker Pierpont Morgan Library unter strenger Aufsicht andächtig im Manuskript des "Kleinen Prinzen" blättern darf, nachdem eine Filzdecke auf dem Tisch ausgebreitet wurde und er die genauen Anweisungen zum Umblättern der 175 brüchigen Blätter unschätzbaren Wertes zur Kenntnis genommen hat: Die Handschrift winzig und sprunghaft, eine der Zeichnungen zerknüllt und wieder geglättet, die Seiten voll von den Flecken und Brandlöchern des kettenrauchenden Kaffeetrinkers Saint-Exupery.

Im Dämmerlicht Ungewöhnliche Todesfälle. Von Dietmar Grieser. NP Buchverlag, St. Pölten 1999. 254 Seiten, Ln., öS 291,-/e 21,14