Digital In Arbeit
Feuilleton

"Nur die Sprache kann subversiv sein"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Spaniens Kultur blühte, als Juden, Moslems und Christen noch zusammenlebten. Juan Goytisolo wurde nicht müde, das zu betonen, und seine Essays thematisierten ebenso wie seine Romane, dass Spanien dieses Erbe ruinierte; dieser Exorzismus "kappte unserer Kultur die Masten, fegte die Fakultäten der Wissenschaft und Gelehrsamkeit weg, nahm dem intellektuellen Leben die Luft zum Atmen und gewährte Spanien im Namen der religiös-ideologischen Vereinheitlichung und Reinheit des Blutes einen langwährenden Urlaub von der Geschichte". Auch die Romankunst ging damals verloren, so der 1931 in Barcelona als Sohn eines Franco-Anhängers geborene Schriftsteller. Reconquista und Inquisition verfolgten alle Abweichler, Goytisolo hingegen widmete gerade ihnen seine Romane, die traditionelle Vorläufer dekonstruierten und zwischen 1963 und 1975 in Spanien verboten waren. Gegen die unterdrückende Gesellschaft brachte er Körper, Erotik und Sex ins Spiel. In seinem im französischen Exil 1975 veröffentlichten Roman "Johann ohne Land" analysierte er die Konsequenzen für Kultur und Zivilisation durch das "Zerbrechen der Einheit von Gesicht und Hintern". Spanien muss sich sprachlich, sexuell und politisch befreien und auf die arabische Tradition besinnen. "Wenn du in Zukunft schreibst, wird es in einer anderen Sprache sein": Am Ende wandelt sich der spanische Text ins Arabische. Ideologiekritik war für den vom Strukturalismus geprägten Autor, der sich nach einem Kubabesuch von der sozialistischen Utopie abwandte, weil er sah, wie sie mit Abweichlern umging, immer auch Sprachkritik. In "Makbara" ("Friedhof", 1980) setzte er gegen die Schrift die Mündlichkeit der arabischen Wandererzähler. Nach dem Tod seiner Frau, der Übersetzerin und Schriftstellerin Monique Lange, lebte Goytisolo in Marrakesch und berichtete in seinen autobiografischen Schriften (etwa in "Jagdverbot") dann auch von seiner gelebten Homosexualität. "Rückforderung des Conde don Julián"(1970) gilt als eines der wichtigsten Werke der spanischen Literatur und Carlos Fuentes nannte es "das grausam-schönste Requiem, das je ein Spanier für sein Vaterland geschrieben hat". Fuentes gestand ihm zu, "die dringendste Aufgabe des spanischen Romans" zu unternehmen, nämlich "eine alte Sprache zu zerstören", und er verwies damit auf ein zentrales Thema: Macht durch Sprache zu unterhöhlen. "Die Sprache und nur die Sprache kann subversiv sein", schrieb Juan Goytisolo. Er starb am 4. Juni in Marrakesch.

Spaniens Kultur blühte, als Juden, Moslems und Christen noch zusammenlebten. Juan Goytisolo wurde nicht müde, das zu betonen, und seine Essays thematisierten ebenso wie seine Romane, dass Spanien dieses Erbe ruinierte; dieser Exorzismus "kappte unserer Kultur die Masten, fegte die Fakultäten der Wissenschaft und Gelehrsamkeit weg, nahm dem intellektuellen Leben die Luft zum Atmen und gewährte Spanien im Namen der religiös-ideologischen Vereinheitlichung und Reinheit des Blutes einen langwährenden Urlaub von der Geschichte". Auch die Romankunst ging damals verloren, so der 1931 in Barcelona als Sohn eines Franco-Anhängers geborene Schriftsteller. Reconquista und Inquisition verfolgten alle Abweichler, Goytisolo hingegen widmete gerade ihnen seine Romane, die traditionelle Vorläufer dekonstruierten und zwischen 1963 und 1975 in Spanien verboten waren. Gegen die unterdrückende Gesellschaft brachte er Körper, Erotik und Sex ins Spiel. In seinem im französischen Exil 1975 veröffentlichten Roman "Johann ohne Land" analysierte er die Konsequenzen für Kultur und Zivilisation durch das "Zerbrechen der Einheit von Gesicht und Hintern". Spanien muss sich sprachlich, sexuell und politisch befreien und auf die arabische Tradition besinnen. "Wenn du in Zukunft schreibst, wird es in einer anderen Sprache sein": Am Ende wandelt sich der spanische Text ins Arabische. Ideologiekritik war für den vom Strukturalismus geprägten Autor, der sich nach einem Kubabesuch von der sozialistischen Utopie abwandte, weil er sah, wie sie mit Abweichlern umging, immer auch Sprachkritik. In "Makbara" ("Friedhof", 1980) setzte er gegen die Schrift die Mündlichkeit der arabischen Wandererzähler. Nach dem Tod seiner Frau, der Übersetzerin und Schriftstellerin Monique Lange, lebte Goytisolo in Marrakesch und berichtete in seinen autobiografischen Schriften (etwa in "Jagdverbot") dann auch von seiner gelebten Homosexualität. "Rückforderung des Conde don Julián"(1970) gilt als eines der wichtigsten Werke der spanischen Literatur und Carlos Fuentes nannte es "das grausam-schönste Requiem, das je ein Spanier für sein Vaterland geschrieben hat". Fuentes gestand ihm zu, "die dringendste Aufgabe des spanischen Romans" zu unternehmen, nämlich "eine alte Sprache zu zerstören", und er verwies damit auf ein zentrales Thema: Macht durch Sprache zu unterhöhlen. "Die Sprache und nur die Sprache kann subversiv sein", schrieb Juan Goytisolo. Er starb am 4. Juni in Marrakesch.