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Seine Gene nahm er mit ins blumengeschmückte Grab

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Sie bestatteten ihre Toten, sie spielten Flöte: Die Neandertaler waren viel kultivierter als gemeinhin angenommen.

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Sie bestatteten ihre Toten, sie spielten Flöte: Die Neandertaler waren viel kultivierter als gemeinhin angenommen.

Ein keulenschwingender Brutalinski, mehr Tier als Mensch - so in etwa stellen sich die meisten Menschen den Neandertaler vor. Dieses Bild haben die Wissenschaftler jedoch längst revidiert. Die Neandertaler - eine vor rund 30.000 Jahren ausgestorbene Art des Menschen - bestatteten ihre Toten, sorgten für Gebrechliche, bauten Hütten aus Mammutknochen, schufen feine Werkzeuge, musizierten auf Knochenflöten und verfügten möglicherweise sogar über Sprache. "Würde ein Neandertaler mit Anzug und Handy durch die Kärntner Straße in Wien bummeln, niemand würde besonders Notiz von ihm nehmen", ist Maria Teschler-Nicola, Leiterin der anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums, überzeugt. In dem Wiener Museum läuft derzeit eine Ausstellung, die ein umfassendes Bild vermittelt, wie die Wissenschaft den Neandertaler heute sieht.

Der Neandertaler war ein Erfolgsmodell der Evolution: Mehr als eine Viertelmillion Jahre lang siedelte er von der Atlantikküste bis ins heutige Usbekistan. Zum Vergleich: Der homo sapiens ist gerade einmal 40.000 Jahre alt. Seinem Namen verdankt der homo neandertaliensis einem Tal in der Nähe von Düsseldorf, wo 1856 in einer Höhle fossile Knochen dieser Art entdeckt wurden. Mittlerweile werden Funde von insgesamt über 200 Individuen aus über 80 Fundstätten gezählt.

Die Neandertaler waren stämmige Muskelpakete, im Durchschnitt maßen sie 1,60 Meter und brachten 75 Kilo auf die Waage. Sie hatten breite Nasen, kräftige Unterkiefer und ausgeprägte Wülste über den Augen. Was nur Anthropologen auffällt: die Augenhöhlen des Neandertalers sind viereckig, die Gleichgewichtsorgane im Innenohr unterscheiden sich stark von jenen des modernen Menschen.

Die Neandertaler waren fleißige und gewitzte Großwildjäger: Mammut, Bison, Wollnashorn und Rentier standen auf ihrem Speisezettel. Bei der gemeinschaftlichen Jagd mit dem Speer zogen sie sich oft schwere Verletzungen zu. In der Shanidar-Höhle im Irak wurden die Überreste eines männlichen Neandertalers gefunden, der zweimal eine Oberarmfraktur und mehrere Schädelbrüche erlitten und überlebt hatte. Eine dieser Frakturen hatte zur Erblindung eines Auges geführt - woraus die Wissenschaftler folgern, daß es soziale Fürsorge gegeben haben muß.

Wenn ein Neandertaler aus seinem beschwerlichen Leben schied, so wurde er von seinen Angehörigen begraben. In einem Grab der Shanidar-Höhle wurden sogar Überreste von Blumen gefunden. Es gibt allerdings aber auch Anzeichen für möglichen Kannibalismus: Auf ehemaligen Neandertaler-Lagerplätzen entdeckten Wissenschaftler fossile Menschenknochen mit Schnittmarken inmitten von Tierknochen - Überreste eines grausamen steinzeitlichen Festmahles?

Ob die Neandertaler über eine Sprache verfügten, ist umstritten. Ein möglicher Hinweis ist die Art der Schädelbasisabknickung: Je stärker diese Biegung, umso genauer können die Vibrationen des Kehlkopfes in den oberen Atemwegen durch die Muskulatur modifiziert werden. Neandertaler-Fossilien weisen diese Knickung auf, doch je jünger der Fund, desto weniger ausgeprägt. Es gab also zumindest keinen Evolutionstrend in Richtung entwickelter Sprache. Auf jeden Fall aber vertrieben sich die urtümlichen Menschen ihre Zeit mit Musik: In Divje Babe (Slowenien) wurde der zu einer Flöte umgearbeitete Knochen eines Höhlenbären gefunden; Alter: 43.000 bis 82.000 Jahre.

Daß uns tatsächlich einmal ein Neandertaler mit Handy in der Kärntner Straße begegnet, ist jedoch ausgeschlossen: Der Neandertaler war eine Sackgasse der Evolution. Er ist ausgestorben und hat hat keine genetische Spur hintelassen, wie Wisssenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München vor einem Jahr mittels Gen-Analyse bewiesen. Dem Team um den Genetiker Svante Pääbo war es gelungen, ein Bruckstück mitochondrialer DNS aus einem Neandertaler-Knochen zu gewinnen. DieErbsubstanz der Mitochondrien, aus denen die Körperzellen ihre Energie schöpfen, wird allein von der Mutter vererbt und verändert sich daher evolutionsgeschichtlich nur sehr langsam aufgrund von Mutation. Der Vergleich mit der Erbinformation heutiger Menschen ergab: Die Neandertaler sind genetisch von allen heutigen lebenden Menschen gleich weit entfernt; die letzte gemeinsame Vorfahrin lebte vor 550.00 bis 690.00 Jahren. Sie sind also tatsächlich ausgestorben und haben sich nicht erfolgreich mit dem homo sapiens gepaart, mit dem sie über 10.000 Jahre lang in enger Nachbarschaft lebten.

Warum allerdings der Neandertaler ausgestorben ist, bleibt eines der Rätsel der Urgeschichte.

Bis 28. Februar 1999

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