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Feuilleton

VOLLE SÄTZE, LEERE STÜHLE

1945 1960 1980 2000 2020

ANDREA WINKLERS NEUER ROMAN FÜHRT INS "INSTITUT FÜR GEDANKENKUNDE UND VERSTEHEN".

1945 1960 1980 2000 2020

ANDREA WINKLERS NEUER ROMAN FÜHRT INS "INSTITUT FÜR GEDANKENKUNDE UND VERSTEHEN".

Andrea Winklers Bücher sind schwebende, sprachlich fein gewobene Phantasmagorien, die sich einem raschen Zugriff gern verweigern. Das garantiert eine hohe Floskel-Dichte in den Kritiken; "atemberaubende Sätze","hohe Musikalität", "viele Resonanzräume" werden ihr bescheinigt; ein und dasselbe Buch kann zugleich als "von jeglichem Erzählzwang befreit" empfunden werden oder für "präzise, gut durchdachte Komposition", im selben Satz auch noch insgesamt als "präzise und luzid" gelobt werden. Alle diese Formulierungen wurden Andrea Winklers neuem Buch inkorporiert als Rezensionsbausteine, die in ihrer Fragmentiertheit immer problematisch sind, von Verlagen aber gern und ungefragt als werbendes Beiwerk verwendet werden. Dass genau diese Sätze ausgewählt wurden, ist vielleicht kein Zufall, denn "König, Hofnarr und Volk" ist auch eine veritable Literaturbetriebssatire.

Literaturbetrieb

"O, macht doch nichts! Es tut doch nichts zur Sache, dass mein Buch etwa dreihundert Seiten mehr zu bieten hat und Ihres vermutlich von den vorderen Plätzen der Listen der Besten verdrängt", sagt da ein Dichterkollege zu Lina Lorbeer, die "auserwählt" wurde als Studentin am "Institut für Gedankenkunde und Verstehen". Das scheint eine Abmischung aus zeittypischen Schreibschulen und dem Wiener Germanistik-Institut, das an der hoch oben liegenden Bibliothek mit den alten Jahrhunderten auf der Galerie erkennbar wird und sich mit Lektürefunden von Georg Büchner bis Joachim Ringelnatz sehr durchdacht dem Text einschreibt. Das Institut liefert den Rahmen, den Andrea Winkler mit der ihr eigenen Bildarbeit zum Leben erweckt. Sie errichtet streng abgezirkelte Schauplätze -diesfalls vorwiegend Innenräume -, die sie mit immer neu aufrufbaren Requisiten ausstattet. Manche davon überschreiten die Grenze von Buch zu Buch, wie die Kinderschaukel, einige Märchenmotive oder Kafkas Türhüter. Vor allem aber beleuchtet "König, Hofnarr und Volk" mit Linas Tagträumen, die den Bildungs- zum "Einbildungsroman" mutieren lassen, das Selbstverständnis wie die gesellschaftliche Rolle von Dichtern und Denkern. Der Hofnarr birgt Unwägbarkeiten, Volk will keiner bleiben, König jeder werden, da ist die Konkurrenz entsprechend groß.

Winklers phantastischer Bericht aus dem Institutsalltag ist zugleich eine Auseinandersetzung mit den moralischen Diffusitäten unserer Zeit. Protektion etwa wurde in zukunftsweisendes Networking umbenannt und erfüllt dann doch oft den Tatbestand der Korruption.

Aufsteigende Betriebs-Sterne

Zwar scheinen in Winklers Institut noch ungebrochen Tafel und Kreide, Papier und Bleistift zu regieren, doch sie vermisst sehr zeitnah die kooperativen Paarläufe von Professoren oder "Moderatoren-Mediatoren" und aufsteigenden Betriebs-Sternen. Auch Linas Studienkollegen Flora und Justin verstehen es, trotz ihrer der Romantik entlehnten Namen, sich rechtzeitig zu etablieren. "Leere Stühle" sind ihnen bald sicher, im Betrieb bedeutet "das Denken und Deuten eben auch Festauf-einem-Sessel" sitzen - von denen einer am Buchcover lehneüber durch die Wolken segelt. Lina klinkt sich bei diesem Verteilungskampf aus und wechselt in die Zuschauerrolle, die sich in einer Reproduktion der "Frau am Fenster" spiegelt und bricht. Zu Beginn imaginiert Lina ihre Büste im Innenhof des Instituts. In solchen Ehrengalerien ist die Frauenquote erfahrungsgemäß gering, für Andrea Winkler sollte hier schon aufgrund ihres subtilen Umgangs mit Sprache ein Platz reserviert sein.

König, Hofnarr und Volk Einbildungsroman Von Andrea Winkler Zsolnay 2013 192 S., geb., € 19,50

Andrea Winklers Bücher sind schwebende, sprachlich fein gewobene Phantasmagorien, die sich einem raschen Zugriff gern verweigern. Das garantiert eine hohe Floskel-Dichte in den Kritiken; "atemberaubende Sätze","hohe Musikalität", "viele Resonanzräume" werden ihr bescheinigt; ein und dasselbe Buch kann zugleich als "von jeglichem Erzählzwang befreit" empfunden werden oder für "präzise, gut durchdachte Komposition", im selben Satz auch noch insgesamt als "präzise und luzid" gelobt werden. Alle diese Formulierungen wurden Andrea Winklers neuem Buch inkorporiert als Rezensionsbausteine, die in ihrer Fragmentiertheit immer problematisch sind, von Verlagen aber gern und ungefragt als werbendes Beiwerk verwendet werden. Dass genau diese Sätze ausgewählt wurden, ist vielleicht kein Zufall, denn "König, Hofnarr und Volk" ist auch eine veritable Literaturbetriebssatire.

Literaturbetrieb

"O, macht doch nichts! Es tut doch nichts zur Sache, dass mein Buch etwa dreihundert Seiten mehr zu bieten hat und Ihres vermutlich von den vorderen Plätzen der Listen der Besten verdrängt", sagt da ein Dichterkollege zu Lina Lorbeer, die "auserwählt" wurde als Studentin am "Institut für Gedankenkunde und Verstehen". Das scheint eine Abmischung aus zeittypischen Schreibschulen und dem Wiener Germanistik-Institut, das an der hoch oben liegenden Bibliothek mit den alten Jahrhunderten auf der Galerie erkennbar wird und sich mit Lektürefunden von Georg Büchner bis Joachim Ringelnatz sehr durchdacht dem Text einschreibt. Das Institut liefert den Rahmen, den Andrea Winkler mit der ihr eigenen Bildarbeit zum Leben erweckt. Sie errichtet streng abgezirkelte Schauplätze -diesfalls vorwiegend Innenräume -, die sie mit immer neu aufrufbaren Requisiten ausstattet. Manche davon überschreiten die Grenze von Buch zu Buch, wie die Kinderschaukel, einige Märchenmotive oder Kafkas Türhüter. Vor allem aber beleuchtet "König, Hofnarr und Volk" mit Linas Tagträumen, die den Bildungs- zum "Einbildungsroman" mutieren lassen, das Selbstverständnis wie die gesellschaftliche Rolle von Dichtern und Denkern. Der Hofnarr birgt Unwägbarkeiten, Volk will keiner bleiben, König jeder werden, da ist die Konkurrenz entsprechend groß.

Winklers phantastischer Bericht aus dem Institutsalltag ist zugleich eine Auseinandersetzung mit den moralischen Diffusitäten unserer Zeit. Protektion etwa wurde in zukunftsweisendes Networking umbenannt und erfüllt dann doch oft den Tatbestand der Korruption.

Aufsteigende Betriebs-Sterne

Zwar scheinen in Winklers Institut noch ungebrochen Tafel und Kreide, Papier und Bleistift zu regieren, doch sie vermisst sehr zeitnah die kooperativen Paarläufe von Professoren oder "Moderatoren-Mediatoren" und aufsteigenden Betriebs-Sternen. Auch Linas Studienkollegen Flora und Justin verstehen es, trotz ihrer der Romantik entlehnten Namen, sich rechtzeitig zu etablieren. "Leere Stühle" sind ihnen bald sicher, im Betrieb bedeutet "das Denken und Deuten eben auch Festauf-einem-Sessel" sitzen - von denen einer am Buchcover lehneüber durch die Wolken segelt. Lina klinkt sich bei diesem Verteilungskampf aus und wechselt in die Zuschauerrolle, die sich in einer Reproduktion der "Frau am Fenster" spiegelt und bricht. Zu Beginn imaginiert Lina ihre Büste im Innenhof des Instituts. In solchen Ehrengalerien ist die Frauenquote erfahrungsgemäß gering, für Andrea Winkler sollte hier schon aufgrund ihres subtilen Umgangs mit Sprache ein Platz reserviert sein.

König, Hofnarr und Volk Einbildungsroman Von Andrea Winkler Zsolnay 2013 192 S., geb., € 19,50