"Die Lebenswirklichkeiten abbilden“

Die Soziologin Cornelia Helfferich leitet im Auftrag der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Studie "frauen leben 3“, in der Frauen zu ihrer Familienplanung und zu ungewollten Schwangerschaften befragt werden.

Die Furche: Wie zuverlässig sind Studien über Schwangerschaftsabbrüche?

Cornelia Helfferich: Die soziale Erwünschtheit ist immer ein Problem. Das sieht man auch daran, dass alle Studien, die in Europa zu diesem Thema geforscht haben, von einem sogenannten "Under-reporting“ berichten. Das heißt, dass bei den Befragungen weniger Abbrüche genannt werden, als es eigentlich - wie man aus anderen Datenquellen weiß - in Wirklichkeit geben müsste. Frauen scheuen sich davor, über Abtreibungen zu sprechen, und deshalb werden sie auch nicht an einer Untersuchung teilnehmen, wenn diese den Titel "Schwangerschaftsabbruchsstudie“ trägt.

Die Furche: Wie gehen Sie bei den Erhebungen vor?

Helfferich: Einerseits haben wir eine Meldestatistik, welche die Funktion des Monitoring einnimmt. Dadurch kann man sehen, was sich auf diesem Gebiet über die Jahre hinweg verändert hat. Um Prävention anzuleiten, ist die Methode aber zu grob. Unsere Studien für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind dafür gut geeignet: Sie sind viel genauer, weil sie die verschiedenen Lebenswirklichkeiten der Frauen abbilden, und diese Informationen werden anschließend als Material für die Fortbildung von Beraterinnen und auch für Präventionsmaßnahmen seitens der Politik genutzt.

Die Furche: Wie haben sich die erhobenen Statistiken auf die Situation in Deutschland ausgewirkt?

Helfferich: Das Verhütungsverhalten hat sich vor allem bei Jugendlichen verbessert. Hier konnten wir einen großen Rückgang der Abtreibungen feststellen (von 2012 auf 2013 gingen die Abbrüche bei Teenagern um 220 auf eine Gesamtzahl von 3600 zurück; red.). Es zeigte sich auch, dass sich der Zeitpunkt der ersten Entbindung weiter nach hinten verschoben hat.

Die Furche: Denken Sie, dass dieses statistische Modell auch auf Österreich übertragbar wäre?

Helfferich: Wir haben Meldestatistiken und detailliertere sozialwissenschaftliche Studien. Warum sollte das also nicht auch in Österreich funktionieren?

(Das Gespräch führte Julia Ortner)

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