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"Ich liebe ein Nickerchen"

STEVE KROLL-SMITH, Soziologe der Universität North Carolina, über die neue Möglichkeit, am Arbeitsplatz zu schlafen - und warum das vielleicht doch nicht so toll ist.

Die Furche: Herr Professor Kroll-Smith, Sie gehören zum kleinen Kreis jener Soziologen, die sich mit dem Phänomen Schlaf beschäftigen. Zurzeit beobachten Sie einen Wandel, was das Nickerchen am Arbeitsplatz betrifft - zumindest in den USA. Wo genau wird am Arbeitsplatz geschlafen?

Steve Kroll-Smith: Typische Beispiele sind etwa Architekturbüros, IT-Firmen und Anwaltskanzleien. Befasst man sich näher mit diesen Unternehmen, so fällt auf, dass nicht alle ein Schläfchen machen dürfen. Ausgenommen sind etwa Leute, die an der Rezeption arbeiten oder Sekretariatsdienste. Lediglich jene, von denen man sagt, dass sie Kopfarbeit leisten, dürfen auch am Arbeitsplatz schlafen.

Die Furche: Kopfarbeit selbst ist aber doch nichts Neues. Woher also dieser Wandel?

Kroll-Smith: Das ist teilweise sicher richtig: Architekten und Anwälte gab es immer schon. Trotzdem ist ein allgemeiner Trend weg von der Muskel-und hin zur Kopfarbeit zu beobachten. Gleichzeitig finden wir eine immer flexiblere und schnellere Arbeitswelt. Viele Firmen müssen heute kurzfristig Verträge annehmen und Terminfristen einhalten können. Und offensichtlich sind viele Angestellte bereit, dafür Überstunden zu machen. Aber irgendwann macht der Körper einfach nicht mehr mit.

Die Furche: Konkret bedeutet das, man kann nicht mehr klar denken.

Kroll-Smith: Genau. Im Englischen gibt es dafür auch zwei verschiedene Begriffe: "Fatigue" bezeichnet eine körperliche Übermüdung, "drowsiness" ist die geistige Übermüdung. Und vielen Unternehmern ist heute klar, dass die geistig übermüdete Person ("drowsy person") - so heißt auch der medizinische Begriff - keine produktive Leistung mehr erbringen kann.

Die Furche: Wie gehen Firmen mit diesem Problem um?

Kroll-Smith: Ganz einfach: Viele machen das Nickerchen zum Teil ihrer Unternehmenspolitik. Dabei existieren verschiedene Strategien. Einige Firmen erlauben ein Schläfchen am Schreibtisch. Andere sagen, es ist sinnvoll zu schlafen, aber erlauben es nur in den Pausen. Die Angestellten müssen dann vorher ausstempeln. Dass es den Betrieben mit dem Schläfchen durchaus ernst ist, zeigt sich auch darin, dass manche für ihre Mitarbeiter Konferenzräume in Schlafräume umwandeln. Als Soziologe finde ich es besonders interessant, Firmen anzuschauen, die ihre Angestellten für ihre Schlafzeit bezahlen.

Die Furche: In diesem Fall verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit.

Kroll-Smith: Das ist richtig. Aber das ist nicht erst seit dem Nickerchen am Arbeitsplatz der Fall. Nehmen Sie zum Beispiel das Mobiltelefon. Manche Leute sind verärgert, weil ich manchmal mein Handy ausschalte und Sie mich nicht jederzeit erreichen können. Sie meinen, man muss heute stets auf Anruf bereit sein.

Die Furche: Und Sie wollen einfach auch ein Privatleben haben. Sehen Sie die Entwicklung mit dem Nickerchen am Arbeitsplatz ähnlich kritisch?

Kroll-Smith: Natürlich. Es geht dieser schöne kleine Akt der Rebellion verloren. Früher konnte man sich noch hinausschleichen und ein Nickerchen halten. Heute wird verlangt, dass man schläft, um produktiv zu sein. In der Art, wie wir schlafen, spiegelt sich auch immer die ökonomische Struktur wider. Das Schläfchen am Arbeitsplatz passt dann wohl zum Turbo-Kapitalismus. Und für mich ist der auch der einzige Gewinner. Vielleicht bin ein wenig zu romantisch. Aber ich wünsche mir so etwas wie eine Privatsphäre.

Die Furche: Wie weit ist die Nickerchen-Kultur in Amerika verbreitet?

Kroll-Smith: Die letzten Zahlen, die ich dazu habe, stammen von der National Association of Sleep Research. Danach sind es rund 550 Firmen, die zurzeit eine Form von Nickerchen im Betrieb unterstützen. Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass es mittlerweile eigene Consulting Firmen gibt, die die Vorteile des Nickerchens zu vermarkten wissen. Auch gibt es spezielle Einrichtungen für ein Schläfchen auf einigen Flughäfen. Kürzlich habe ich auch von einer Napping Boutique in der Nähe der Wallstreet gehört. Die Businessleute können sich dort zwanzig Minuten hinlegen und bezahlen dafür vierzehn Dollar. Die Mietzinsen im Manhattan District sind natürlich astronomisch hoch. Es muss also wohl ein entsprechender Bedarf vorhanden sein.

Die Furche: Was sagen die Mediziner eigentlich zum Nickerchen. Braucht es das überhaupt?

Kroll-Smith: Das kann ich nicht sagen, ich bin ja kein Mediziner. Mir sind aber zwei Dinge aufgefallen: Erstens wird vermehrt wieder darüber diskutiert, ob der natürliche Schlafrhythmus des Menschen nicht aus zwei Schlafphasen besteht - was für ein seltsamer Zufall, nicht? Zweitens wurde unlängst eine neue Krankheit entdeckt. Die Excessive Daytime Sleepiness - kurz: EDS. Ein Merkmal von EDS ist eine überaus große Müdigkeit zwischen zwei und drei Uhr nachmittags.

Die Furche: Und gibt es ein Heilmittel dafür?

Kroll-Smith: (lacht) Sich hinlegen hilft wahrscheinlich. Nein im Ernst, die Pharmafirmen werden sich schon etwas einfallen lassen. Ich vermute ja, dass sie schon etwas haben, das sie in Zukunft verstärkt verkaufen wollen: Modafenil.

Die Furche: Modafenil?

Kroll-Smith: Ein Wachhaltemittel. Zurzeit wird es auch von den US-Truppen im Irak eingesetzt. Die Soldaten sollen dadurch drei Tage lang wach bleiben können und es soll keinerlei Nebenwirkungen haben. Man braucht nachher lediglich eine Nacht durchzuschlafen. Quasi ein Wundermittel.

Die Furche: Zurück zum Schlaf am Arbeitsplatz. In den USA mag ja das Nickerchen in Mode kommen. Im boomenden Wirtschaftswunderland China hingegen wird das Xiuxi, das chinesische Nickerchen, immer weniger praktiziert. Sehen Sie da keinen Widerspruch?

Kroll-Smith: Nein, gar nicht. Die Nickerchen-Kultur findet sich ja nur im Bereich der Kopfarbeit. China macht gerade erst eine Phase der Industrialisierung durch. Das ökonomische System kämpft folglich nicht mit geistiger Übermüdung, sondern einfach nur gegen faule Fabriksarbeiter.

Die Furche: Und was ist mit Spanien? Dort wurde zu Beginn dieses Jahres die Siesta für Beamte offiziell abgeschafft.

Kroll-Smith: Spaniens Wirtschaft ist ein vielschichtigerer Fall. Ein Argument gegen die Siesta war etwa, dass die Wirtschaft mit dem Rest von Europa synchronisiert werden muss. Auch glaubte man, dass ein Siestaverzicht es den Leuten ermöglichen würde, früher am Abend bei der Familie zu sein. Außerdem weiß ich sehr wohl von Fällen, wo in spanischen Städten gezielt Geschäftsleuten Siestamöglichkeiten geboten werden. Das Siesta-Verbot bezieht sich eben vor allem auf Angestellte im öffentlichen Dienst und die zählen nun mal nicht zu den Creative Industries.

Die Furche: Wird die Nickerchen-Kultur sich auch in Europa durchsetzen?

Kroll-Smith: Die Industrie ist ähnlich entwickelt wie in den USA: Kopfarbeit wird hier genauso geleistet wie dort. Warum also nicht? Es muss nur noch gezeigt werden, dass der Arbeiter mit einem Nickerchen einen besseren Output bringt als ohne. Und irgendwie werden sie das schon messen und bestimmen können. Dann wird sich das Nickerchen aber auch ziemlich sicher durchsetzen.

Die Furche: Eine letzte Frage: Machen Sie selbst ab und zu ein Nickerchen?

Kroll-Smith: O ja. Ich liebe ein Nickerchen. Allerdings brauche ich es nicht, weil ich geistig übermüdet wäre. Im Gegenteil: Ich lege mich einfach drei-, viermal die Woche nieder. Es ist meist eine Art Tagträumen. Dabei denke ich darüber nach, was ich am Morgen gemacht habe und spiele mit verschiedenen Gedanken herum. Für mich ist das wie Medizin. Als Professor kann ich mir das leisten und ich bin mir bewusst, dass es ein großer Luxus ist.

Das Gespräch führte Thomas Mündle

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