Erfolgreicher Schulschlaf

Japaner schlafen anders. Und japanische Schüler ganz besonders.

Wer in Japan einen Platz an einer Top-Universität ergattern möchte, muss in der Schule fleißig sein. Oder besser: Außerhalb der Schule. In der Schule darf man nämlich ruhig schlafen. Die meisten tun das hin und wieder und manche machen es sich sogar zur Gewohnheit. Warum die Lehrer das zulassen? "Prinzipiell ist es unerwünscht, aber die Lehrer schauen darüber hinweg, weil jeder weiß, wie ausgelaugt die Schüler sind", erklärt die Japanologin Brigitte Steger von der Universität Wien, die sich seit vielen Jahren mit der japanischen Schlafkultur beschäftigt. Dann ergänzt sie: "Aber diese Nickerchen werden nicht als eigentliches Schlafen verstanden, sie sind Inemuri."

Inemuri ist eine sozial klar unterschiedene Kategorie des Schlafens, die es so im Westen nicht gibt. Ethymologisch betrachtet besteht das Wort aus zwei (ursprünglich chinesischen) Schriftzeichen: "i(ru)" bedeutet soviel wie anwesend sein, "nemuri" steht für schlafen. Der Schläfer ist also nicht völlig in eine andere Welt abgedriftet, sondern hat sich nur zeitweise zurückgezogen und bleibt bereit, sich wieder in die Welt einzubringen. Klingt das paradox? Für uns vielleicht. Wer eine Fahrt in einer japanischen U-Bahn oder einem Zug unternimmt, kann ein anschauliches Beispiel für anwesendes Schlafen erhalten. Dort praktizieren zahlreiche Pendler (darunter auch viele Schüler) täglich Inemuri. Kommt der Zug an der gewünschten Haltestelle an, wachen die Schläfer auf und steigen aus.

Höflich schlafend

Auch die im Klassenzimmer dösenden Schüler bleiben im Prinzip ansprechbar. Sollten sie von der Lehrperson eine Frage gestellt bekommen, wäre es unhöflich, nicht zu antworten. Meistens gönnen die Lehrer ihren Schülern aber ihr Inemuri. Schließlich gilt es als subtiles Zeichen dafür, dass die Schüler die ganze Nacht gelernt haben. Manche Lehrer sind auch froh, wenn einige ihrer Schüler schlafen. Das Managen der Klassen mit meist mehr als vierzig Schülern wird dadurch leichter. Die Schüler wiederum wollen mit ihrem Nickerchen keineswegs anecken. Ein von Brigitte Steger interviewter Schüler hat dies so ausgedrückt: "Wir erachten Inemuri nicht als eine Unhöflichkeit gegenüber dem Lehrer, der uns etwas erklären möchte. Wir schlafen einfach, wann uns danach ist. Unser Schlaf steht in keiner Verbindung zum Lehrer."

Doch wenn in den regulären Schulstunden anscheinend nicht sonderlich effektiv gelernt wird, wie schaffen es die jungen Japaner dann in die Topränge der Pisastudie? Wahrscheinlich auch dank Juku, den nachmittags stattfindenden Privatklassen, in denen die Jugendlichen oft in kleinen Gruppen und sehr gezielt auf die anspruchsvollen Aufnahmeprüfungen vorbereitet werden. "Die Japaner selbst sprechen von der ,Prüfungshölle'", sagt Brigitte Steger. Zum einen sei das Niveau sehr hoch - zum Beispiel in Mathematik. Zum anderen müsse viel auswendig gelernt werden. Dazu die Japanologin: "So manche Englischprüfung würde ein Muttersprachler nicht bestehen, weil etwa genau das eine Wort und nicht bloß ein mögliches in einen bekannten Lückentext eingefüllt werden muss." Trotz des hohen Lernpensums besuchen die meisten Schüler gerne die Privatklassen. "Ich konnte niemanden finden, der hier geschlafen hätte", erzählt Brigitte Steger, die darüber mit zahlreichen Schüler sprach. Ironischerweise bieten die Privatklassen den Schülern einen weiteren Grund, um in der Schule wegzuschlafen: Die Juku-Schüler sind in ihrem Stoffwissen dem regulären Unterricht um Wochen voraus.

Juku endet am späten Nachmittag. Einer Studie zufolge sind dann auch die Schüler ziemlich am Ende: Daheim angekommen, legt sich rund jeder dritte hin und macht ein Nickerchen. Manche schlafen, bis sie von ihrer Mutter spätabends geweckt werden. Dann gibt es Abendessen, bevor es nochmals richtig losgeht: Viel studiert wird die Nacht hindurch. Und natürlich müssen die Schüler am nächsten Morgen früh aufstehen und zur Schule gehen. Einige nehmen dabei selbst im Sommer ihre warmen Pullover mit, um eine weiche Schlafunterlage zu haben. Doch wieso nicht gleich daheim bleiben, wenn man bloß hingeht, um zu schlafen? Dazu die Japanologin: "Die Hausregeln würden es den Schülern erlauben, eine gewisse Anzahl von Stunden zu fehlen. Aber für die japanische Arbeitsethik sind hundert Prozent Anwesenheit sehr wichtig."

Sechs Stunden Schlaf

Einer anderen Studie zufolge verbringen so die strebsamen Schüler während der Prüfungszeiten lediglich sechs Stunden im Bett; zusätzliche vierundzwanzig Minuten Schlaf holen sie sich untertags durch ein oder mehrere Nickerchen. Bei Medizinern mag das Kopfschütteln hervorrufen: Sie vertreten die Ansicht, dass Jugendliche im Alter von zehn bis 17 rund neun Stunden Schlaf pro Nacht benötigen.

Auch dem Europäer mutet der wechselvolle Arbeits-und Schlafrhythmus japanischer Schüler reichlich seltsam an. Es drängt sich die Frage auf: Wozu das Ganze? "Die kurze Antwort lautet: Die Japaner gehören zu den Völkern, die eine polyphasische Schlafkultur pflegen," so Brigitte Steger. Nicht nur Schüler schlafen in Schulen, sondern auch das übrige Japan schläft an vielen Orten und zu den verschiedensten Zeiten. Zum Beispiel Wissenschafter an Konferenzen, Geschäftsleute bei Powerpoint-Präsentationen und der normale Arbeitnehmer am Arbeitsplatz oder mittags im Park. "Jedoch muss der gewöhnliche Arbeiter darauf achten, wo, wann und vor wem er schläft, weil er damit auch negativ auffallen kann", präzisiert die Japanologin.

Die umfassendere Antwort bedarf eines Blicks in die Geschichte. Steger erklärt: "Konfuzianische und buddhistische Texte betonten stets, dass Schlaf keine physische Notwendigkeit ist. Ähnlich wie Sex wurde Schlaf als Drang gesehen, den man kontrollieren kann. Und diese Kontrolle wurde als wichtiger Teil der Charakterbildung erachtet." Japan wurde von diesen chinesischen Lehren geprägt. Spätestens ab dem 17. Jahrhundert verfestigten sich diese Ideen in einer Lernkultur, die bis heute fortexistiert. So studierten junge Männer in den Samurai-Schulen stets in der Nacht. Dabei zählten weniger die gelernten Inhalte, als die Anstrengung selbst. "Nächtelang wurden chinesische Originaltexte abgeschrieben, die vielleicht gar nicht verstanden wurden", meint die Japanologin. Ganbaru - sein Letztes geben - war das eigentliche Ziel. Als Folge davon konnte Inemuri, das Schläfchen am Tag, eine positive Wertung erhalten. Es wurde zum sichtbaren Zeichen von harter, nächtlicher Lernarbeit.

Von jeher hat es dabei Leute gegeben, die das Nickerchen für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Die heutigen Schüler sind da keine Ausnahme. Einige tun etwa so, als ob sie schlafen würden, weil sie unvorbereitet sind und vom Lehrer nicht ausgefragt werden möchten. Andere schlafen tatsächlich, aber nicht weil sie so hart gebüffelt haben, sondern weil sie nachts mit ihren Freunden unterwegs waren oder sie Filme geschaut oder sich im Internet die Zeit vertrieben haben.

Zurzeit vermerken Wissenschafter einen Trend zu etwas mehr Schlaf bei Japans Schülern. Nach Brigitte Steger zeigt sich hier lediglich, dass der Graben zwischen guten und schlechten Schülern größer wird. Ungebrochen bleibt die Nachfrage nach Ratgebern mit Titeln wie Die Ultratiefschlafkurzschlaf-Methode oder Die Vierstundenschlaf-Methode. Die Long-und Bestseller sind vielfach von Geschäftsleuten geschrieben. Sie verwenden medizinische Erkenntnisse teilweise sehr selektiv, wie die Japanologin weiß. Sie nennt zwei Beispiele: "Einer behauptet, dass der Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht und jede dieser drei Einheiten drei Stunden Schlaf benötigt. Er lehrt wie man alle drei zusammenbringt, so dass man anstatt neun lediglich drei Stunden Schlaf benötigt. Ein anderer erklärt, wie man nur mit einer Gehirnhälfte arbeitet, während die andere sich erholen kann." So machen das die Delphine. Aber ob der Mensch das auch kann?

Stärke durch Ankämpfen

Sowohl in den neuen Ratgebern wie auch in den alten konfuzianischen Texten findet sich der Gedanke, dass man durch Ankämpfen gegen den Schlaf zusätzliche Stärke gewinnt. Allein die neuen Ratgeber betonen einen Lustgewinn durch mehr Freizeit.

Von mehr Freizeit träumen also die Japaner. Bei einem Volk, das einen eigenen Begriff für Tod durch Überarbeiten - Karoshi - besitzt, überrascht das nicht. Dass man sich die Freizeit aber durch Schlafentzug erkämpft, ist wiederum ein wenig merkwürdig. Denn neun von zehn Japanern zählen Schlafen zu einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen. Das Bedürfnis nach Schlaf wird wohl in der Schulzeit geweckt. Im Volksmund heißt es: "Mit vier Stunden (Schlaf) kommt man durch, mit fünf scheitert man."

BUCHTIPP:

INEMURI

Von Brigitte Steger

Rowohlt Verlag, Berlin 2007

288 Seiten, brosch., e 9,20

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