Respekt, Distanz, Hierarchie

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Das Leben in Japan orientiert sich nach wie vor an konfuzianischem Denken: alle Beziehungen - von der Familie bis zur Firma - basieren auf Loyalität und Gehorsam.

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Das Leben in Japan orientiert sich nach wie vor an konfuzianischem Denken: alle Beziehungen - von der Familie bis zur Firma - basieren auf Loyalität und Gehorsam.

Professor Oizumi sitzt auf einer Sofalehne im Konferenzraum der Nihon University in Tokyo. Er ist Mitte fünfzig und ein bekannter Mann, denn neben seiner Lehrtätigkeit - internationale Beziehungen - schreibt er für große japanische Tageszeitungen und berät die Regierung in außenpolitischen Fragen. Vor ihm, auf einem niedrigen Sessel, sitzt sein Assistent Nakai. Kuniyoshi Nakai ist 35, spricht nicht nur fließend Spanisch wie sein Chef, sondern auch Englisch. Die Unterhaltung der beiden besteht darin, daß der Professor lebhaft spricht und der Assistent nickt. "Hai" heißt auf japanisch "ja". In dem fünfzehnminütigen Gespräch, dessen Zeuge ich werde, sagt der Assistent nichts als "hai, hai". Zehnmal, zwanzigmal, hundertmal. Ich höre auf zu zählen.

Wenige Stunden später lädt der Dekan der Universität zu einem Abendessen. Professor Akiyama ist älter als Oizumi, ein würdiger Herr. Er kommt mit einer großen Aktentasche ins Hotel, in dem das Essen stattfindet. Kaum sieht Professor Oizumi die Aktentasche, eilt er herbei und nimmt sie dem Dekan wie ein aufmerksamer Diener ab.

Hierarchie pur? Es ist bekannt, daß in Japan auch verheiratete Männer mehr mit ihrer Firma als mit ihrer Frau verheiratet sind. Bei Arbeitern und Angestellten steht die Firma an oberster Stelle. Zuerst sagen sie, für wen sie arbeiten, dann ihren Familiennamen, an letzter Stelle den Vornamen. Japaner, die mit Ausländern zu tun haben, besitzen Visitenkarten, auf deren einer Seite in japanischer Schrift diese Reihenfolge eingehalten wird. Auf der Rückseite folgen sie dem europäisch-amerikanischen Brauch: Vorname, Familienname, Firma. Ausländische Firmen tun sich sehr schwer, gute männliche japanische Mitarbeiter zu finden (sie finden sehr leicht hochqualifizierte Japanerinnen), denn "Hierarchie pur" hat folgenden Vorteil für den Arbeitnehmer: Nicht nur er weiß ganz genau, wo er in der Rangordnung des Betriebs steht, auch die Firma ist ganz für ihn da. Bis zu acht Monatslöhne als Bonus sind keine Seltenheit. Die Lohnhöhe richtet sich nach Ausbildung, Lebensalter und Betriebszugehörigkeit. Der Lohn steigt automatisch. Die Frage, wie bekomme ich mehr Geld, erübrigt sich, Alter und Betriebstreue regeln diese Angelegenheit von selbst.

Der Japan-Kenner Norbert Hormuth folgert daraus: "Damit erhält der Betrieb eine innere Stabilität, ist frei von innerbetrieblichen Prestige- und Aufstiegskämpfen und von den bei uns üblichen Intrigen Jüngerer gegen Ältere oder bestimmter Abteilungen gegen andere. Höchstes Ziel ist innere Harmonie. Diese Harmonie bestimmt das ganze Betriebsgeschehen; niemand handelt für sich und gegen andere. Entscheidungen fallen nicht ohne oder gar gegen die Mitarbeiter, sondern stets unter deren Mitwirkung. Wird ein neues Projekt geplant, so wird ein entsprechendes Arbeitspapier herumgeschickt: Alle, auch die jungen Mitarbeiter und die niederen Ränge, erhalten das Papier, können es kommentieren und um eigene Vorstellungen ergänzen. So sind alle informiert, dürfen mitreden und wissen, daß der Chef ihre Stellungnahme und Ergänzung berücksichtigen wird."

Das System ist aber nicht nur nach unten offen. Frühere Chefs und Führungsleute werden auch noch lange nach ihrer Pensionierung als Berater herangezogen. Ihre Erfahrung sieht man in japanischen Firmen als Kapital an. Welche westliche Betriebsführung wäre zu einer solchen, zugegeben langwierigen Entscheidungsfindung bereit? Keine. Sie kann daher auch nicht die gleiche Loyalität und die gleiche Identifikation der Mitarbeiter mit der Firma erwarten. Bei uns werden Unterordnung und Gehorsam erzwungen. Die Folge davon: innerbetrieblicher Konkurrenzkampf und Intrige. In Japan fühlt sich jeder für die Gruppe und den Chef, und diese wieder für den Einzelnen verantwortlich. Mißerfolg und Erfolg werden geteilt, Konsens ist oberstes Arbeitsprinzip, man ist eine Familie.

Ein Land, eine Firma Dieses Bild von der Firma als Familie läßt sich auf das ganze Land übertragen. Japan ist in gewissem Sinn eine einzige, auf gemeinsamen Erfolg eingeschworene Familienfirma. Chef wird nicht, wie bei uns, einer, der die anderen "überfährt", der Macht an sich reißt, der die Faust im richtigen Augenblick auf den Tisch niedersausen läßt. Von einem japanischen Chef wird erwartet, daß er gleichbleibende Güte, Freundlichkeit, Bescheidenheit und Ruhe in allen Krisen bewahrt, ja, daß er sich von unten weitgehend manipulieren läßt.

Es kommt vor, daß sich japanische Manager über ihre Unfreiheit beklagen. Dieses System hat Japan seinen ungeheuren Aufstieg von einem im Zweiten Weltkrieg zerstörten, armen Land zur zweiten Wirtschaftsmacht der Welt ermöglicht. Es ist aber auch zumindest mitverantwortlich für die gegenwärtige Krise. Als in Kobe die bebende Erde Tausende Häuser zum Einsturz brachte und es darum ging, die darunter Begrabenen rasch zu finden, schickte die Schweiz eine Staffel Suchhunde. Die Vorschrift lautet: Tiere aus dem Ausland müssen in Japan erst einmal in Quarantäne. Niemand wagte, mit starker Hand eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen und die Hunde sofort einzusetzen. Sie blieben eine Woche in Quarantäne. Und jetzt, da Japan durch die Finanzkrise der südostasiatischen Länder starke Akzente setzen sollte, wirkt die Regierung wie gelähmt. Der mühsame Entscheidungsfindungs-Prozeß ist zum Hemmschuh geworden.

Ein Freund, der fünf Jahre in Japan studiert hat, erzählte mir folgende Geschichte: Als er in seinem College gegenüber Kommilitonen seine Absicht äußerte, den Berg Fuji zu besteigen, erklärten sie ihm, das könne man nur in einer Gruppe machen. Also brachen 20 junge Leute auf zum höchsten und schönsten Berg Japans. Bei jeder Wegbiegung habe sich der Führer umgedreht und dem hinter ihm Gehenden Anweisungen bezüglich Trittsicherheit gegeben. Der zweite habe sich umgedreht und die Information weitergegeben und so weiter. Und jetzt kommt's: Nach einigen Stunden des Aufstiegs habe der Führer angeordnet, ein Vitaminbonbon zu sich zu nehmen, und alle gehorchten wie ein Mann.

Wo immer man Japanern begegnet, treten sie in Gruppen auf, auch in Europa. Der einzelne fühlt sich nur wohl in der Gruppe: am Arbeitsplatz, nach der Arbeit, wenn die Angestellten einer Firma gemeinsam etwas trinken gehen, im Urlaub. Woher kommt dieses Phänomen?

In Japan lebten die Menschen früh vom Reisanbau. Dieser ist arbeitsintensiv und kann nur gemeinschaftlich bewältigt werden. In Europa hat es eine landwirtschaftliche Produktion, die ausschließlich auf gemeinschaftliches Arbeiten angewiesen ist, nie gegeben. Ein Hirte braucht für seine Herde keine Gemeinschaft der Menschen; ein autarker Bergbauer ebenso wenig. Doch der Reisanbau ist nicht der einzige Grund für das so stark ausgeprägte Wir-Gefühl, das, von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet, als Ich-Schwäche bezeichnet werden könnte.

Im Westen beherrschte früh das Christentum das Denken der Menschen: ein Gott, ein Erlöser-Christus ein Individuum, das dem göttlichen Gesetz verantwortlich ist. In Japan gewann im 6. Jahrhundert n. Chr. zusammen mit der chinesischen Kultur der ursprünglich aus Indien stammende Buddhismus großen Einfluß. Der Inder Gautama (566 - 486 v. Chr.) hatte eine Weltvorstellung verkündet, die grundsätzlich von der Endlichkeit aller Erscheinungen ausgeht. In den "vier edlen Wahrheiten" faßte er sein Denken zusammen: 1. Erkennen der wahren Lage des Menschen als von Leid und Unheil bestimmt; 2. Erforschen der Ursache des Leids, die in den Begierden liegt; 3. Beseitigung der Ursachen des Leids durch die Abtötung der Begierden; 4. Beschreiben des achtfachen Weges, um Erlösung in einem Zustand zu finden, den er Nirwana nennt, was das absolute Nichts und zugleich die absolute Seligkeit bedeutet.

Der Buddhismus ist noch heute eine entscheidende Kraft in Japan: Tausende Tempel mit ihren huschenden blassen Nonnen und streng blickenden Mönchen zeugen davon. Wenn aber das Nichts das Ziel ist, dann verliert der Einzelne an Bedeutung - Im täglichen Leben steht grundsätzlich das Wohlergehen der Gemeinschaft vor dem des Individuums. Die Wurzel dafür ist im Konfuzianismus zu suchen, der Japans Ethik und Staatsphilosophie seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. geprägt hat. Keine andere philosophische oder religiöse Richtung hat im Land der aufgehenden Sonne größeren Einfluß gehabt.

Lernbereitschaft Der Konfuzianismus beruht auf der Lehre des chinesischen Philosophen Kung-fu-tse (551-479 v. Chr.), dessen Name im Westen zu Konfuzius latinisiert wurde. Ausgangspunkt des konfuzianischen Denkens ist die Familie; sie ist Grundlage des Staates, ihr Modell ist Modell aller größeren Institutionen Die Pflichten des einzelnen in Familie, Gemeinschaft und Staat werden zusammengefaßt im Katalog der fünf Beziehungen: die Beziehung zwischen Fürst und Untertan, Vater und Sohn, Mann und Frau, jüngerem und älterem Bruder, Freund und Freund. Diese Beziehungen sind hierarchisch, von starken Pflichtenbindungen bestimmt, es sind Gefolgschaftsbeziehungen, nicht Beziehungen zwischen Partnern. Privates und gesellschaftliches Verhalten in Japan basieren auf Disziplin, Gehorsam, Loyalität, die den rangmäßigen Standort berücksichtigt Das drückt sich auch in der Sprache aus.

Auf Japanisch wird alles, was mit "mein" zu tun hat, mit einem Wort der Demut versehen, was den anderen anlangt, bekommt den Zusatz "ehrenvoll". In der konfuzianischen Ethik gibt es noch zwei Werte, denen man in Japan auf Schritt und Tritt begegnet: der erste ist der hohe Stellenwert der Arbeit. Arbeit, von den Griechen, etwa von Aristoteles und Plato verachtet, ebenso von den spanischen Adeligen, den Hidalgos, von christlicher Seite als Strafe für das sündige Urpaar Adam und Eva interpretiert (im Schweiße deines Angesichts sollst du ...) gilt in Japan als Ehre.

Japaner kennen nicht das Gegensatzpaar otium-Nichtstun, negotium-Geschäftigkeit; 14 Tage Urlaub stünde jedem Arbeitnehmer zu. Wenn er fünf Tage davon in einem konsumiert, entschuldigt er sich. Die Kehrseite ist, daß Japaner auf andere Völker nicht selten hektisch, ruhelos, spannungsgeladen wirken ...

Die zweite konfuzianische Tugend, die bei uns weniger als ethischer Wert betrachtet wird, ist die Bereitschaft zu lernen. Lernen, Wissensdurst ist eine Tugend schlechthin. Erblicken japanische Schüler in einem Tempel oder Garten einen Europäer, verbeugen sie sich höflich, öffnen ihr englisches Lehrbuch und beginnen zaghaft: "Darf ich mit Ihnen sprechen? Woher kommen Sie? Gefällt Ihnen Japan?" Die Bücher haben spezielle Seiten, auf denen Ausländer Botschaften hinterlassen sollen: Message, please.

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