Minecraft-Welt aus Ecken & Kanten - Minecraft-Spieler gestalten ihre Welten aus lauter Blöcken. Die Würfel bestehen aus Erde, Holz oder Erzen und werden von den Spielern in Bergwerken abgebaut – daher der Name des Spiels.<br />
  - © Screenshot: wallup.net/minecraft-78

Minecraft: Wie Pippi Langstrumpf im IT-Bergwerk

1945 1960 1980 2000 2020

Das Online-Spiel Minecraft ist eine riesige Lego-Kiste im Internet. Warum das Spiel trotz altbackener Machart Millionen Kinder und Jugendliche fasziniert, erklärt sich beim Besuch im Minecraft-Feriencamp.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Online-Spiel Minecraft ist eine riesige Lego-Kiste im Internet. Warum das Spiel trotz altbackener Machart Millionen Kinder und Jugendliche fasziniert, erklärt sich beim Besuch im Minecraft-Feriencamp.

Pippi Langstrumpf würde Minecraft spielen. Warum? Weil sie damit ihr Lebensmotto auch ins Internet übertragen kann: „Ich mach‘ mir die Welt / widdewidde wie sie mir gefällt“. Marie sieht das genauso: „Es gibt nicht eine richtige Art Minecraft zu spielen“, sagt die Zwölfjährige: „Im Kreativmodus kann ich alles bauen, was ich will, oder ich wechsle in den Überlebensmodus und kämpfe gegen Monster, oder ich werde Bäuerin, baue Karotten und Kartoffeln an und kümmere mich um meine Haustiere.“

Die so wie alles in diesem Computerspiel Ecken und Kanten haben. Minecraft ist eine Art digitale Lego-Kiste. Die Spieler können ihre dreidimensionalen Welten aus würfelförmigen Blöcken ganz nach ihrer Fantasie gestalten. Die Blöcke bestehen aus Erde, Holz oder Erzen. Sie werden von den Spielern in ihren Bergwerken abgebaut – daher auch der Name des Spiels. Neben der Arbeit im Stollen können die Spieler auch als Landwirte ihre Produktpalette erweitern, Getreide fürs Brotbacken anpflanzen, oder ihre Kühe und Schafe als Fleisch-, Leder- oder Wolllieferanten nützen.

Millionenfach gespielt

Vom schwedischen Programmierer Markus „Notch“ Persson vor gut zehn Jahren entwickelt, hat der Internet-Riese Microsoft das Spiel 2014 übernommen und entwickelt es seither ständig weiter. „Mit allen Versionen zusammen wurde Minecraft insgesamt mehr als 200 Millionen Mal erworben und gehört damit zu den beliebtesten und meistverkauften Computerspielen überhaupt“, heißt es in der Wikipedia-Statistik: „Monatlich kommt das Spie im Schnitt auf über 110 Millionen aktive Spieler.“

17 von ihnen, zwischen acht und zwölf Jahren alt, bauten vorige Woche ihre Welten im Minecraft-Camp in Wien-Erdberg. Diese Woche besuchen 19 Kinder das Lager, nächste Woche sind es 22. „Unsere Minecraft-Angebote sind sehr gut gebucht“, sagt Andreas Hanny, Geschäftsführer von

Sommercamp.Wien. Als Grund für die rege Nachfrage nennt er die „ideale Mischung“ zwischen den spielerischen Elementen von Minecraft, der Vermittlung von IT-Grundkenntnissen, aber auch von Ferienspaß in der realen Welt, sprich Sport- und Freizeitaktivitäten abseits des Computerbildschirms. „Wir wollen nicht, dass die Kinder, den ganzen Tag vor dem PC sitzen“, sagt Hanny. In der Zeit, in der sie es aber tun, lernen sie quasi als Kollateralnutzen zum Minecraft-Spiel auch Grundlagen der Netzwerktechnik: Wie man Server oder IP Adressen erstellt, wie man Modifikationen programmiert und wie man erste Schritte ins Betriebssystem Linux setzt.

Der Sommercamp. Wien-Chef zählt noch weitere mit Minecraft verknüpfbare Lehr- und Lerninhalte auf, die den computertechnischen Horizont des FURCHE-Reporters jedoch schnell übersteigen. Im Unterschied zu dem der jungen Sommercamp-Teilnehmer. „Die Kinder sind ziemlich gut drauf und kennen sich sehr gut aus“, bescheinigt Betreuerin Merve ihrer Gruppe. „Da haben einige 7- oder 8-Jährige bereits das Informatik-Niveau von Mittelschülern erreicht“, sagt sie: „Die Kinder lernen irrsinnig schnell und hauptsächlich voneinander – und anders als oft in der Schule sind sie voll bei der Sache und extrem interessiert.“ Merve studiert Informatik und Geographie für das Lehramt. Ihre Minecraft-Erfahrungen aus dem Sommercamp möchte sie als Lehrerin nützen und das Spiel gezielt in ihren Unterricht einbauen.

Spielerisch Physik lernen

Das wird auch bereits so praktiziert. Denn so sehr das Freiheits- und Kreativitätspotenzial von Minecraft der Lebensweise von Pippi entspricht, so wenig ist das Langstrumpf-Einmaleins „Zwei mal drei macht vier / widdewiddewitt und drei macht neune“ mit der Minecraft-Logik kompatibel. Das Spiel-Bergwerk gehorcht den mathematischen, physischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten der realen Welt und auch in den „Atombauwerkbänken“ von Minecraft muss man mit Protonen, Neutronen, Elektronen das Auslangen finden.

Pippi Langstrumpf würde Minecraft spielen. Warum? Weil sie damit ihr Lebensmotto auch ins Internet übertragen kann: „Ich mach‘ mir die Welt / widdewidde wie sie mir gefällt“. Marie sieht das genauso: „Es gibt nicht eine richtige Art Minecraft zu spielen“, sagt die Zwölfjährige: „Im Kreativmodus kann ich alles bauen, was ich will, oder ich wechsle in den Überlebensmodus und kämpfe gegen Monster, oder ich werde Bäuerin, baue Karotten und Kartoffeln an und kümmere mich um meine Haustiere.“

Die so wie alles in diesem Computerspiel Ecken und Kanten haben. Minecraft ist eine Art digitale Lego-Kiste. Die Spieler können ihre dreidimensionalen Welten aus würfelförmigen Blöcken ganz nach ihrer Fantasie gestalten. Die Blöcke bestehen aus Erde, Holz oder Erzen. Sie werden von den Spielern in ihren Bergwerken abgebaut – daher auch der Name des Spiels. Neben der Arbeit im Stollen können die Spieler auch als Landwirte ihre Produktpalette erweitern, Getreide fürs Brotbacken anpflanzen, oder ihre Kühe und Schafe als Fleisch-, Leder- oder Wolllieferanten nützen.

Millionenfach gespielt

Vom schwedischen Programmierer Markus „Notch“ Persson vor gut zehn Jahren entwickelt, hat der Internet-Riese Microsoft das Spiel 2014 übernommen und entwickelt es seither ständig weiter. „Mit allen Versionen zusammen wurde Minecraft insgesamt mehr als 200 Millionen Mal erworben und gehört damit zu den beliebtesten und meistverkauften Computerspielen überhaupt“, heißt es in der Wikipedia-Statistik: „Monatlich kommt das Spie im Schnitt auf über 110 Millionen aktive Spieler.“

17 von ihnen, zwischen acht und zwölf Jahren alt, bauten vorige Woche ihre Welten im Minecraft-Camp in Wien-Erdberg. Diese Woche besuchen 19 Kinder das Lager, nächste Woche sind es 22. „Unsere Minecraft-Angebote sind sehr gut gebucht“, sagt Andreas Hanny, Geschäftsführer von

Sommercamp.Wien. Als Grund für die rege Nachfrage nennt er die „ideale Mischung“ zwischen den spielerischen Elementen von Minecraft, der Vermittlung von IT-Grundkenntnissen, aber auch von Ferienspaß in der realen Welt, sprich Sport- und Freizeitaktivitäten abseits des Computerbildschirms. „Wir wollen nicht, dass die Kinder, den ganzen Tag vor dem PC sitzen“, sagt Hanny. In der Zeit, in der sie es aber tun, lernen sie quasi als Kollateralnutzen zum Minecraft-Spiel auch Grundlagen der Netzwerktechnik: Wie man Server oder IP Adressen erstellt, wie man Modifikationen programmiert und wie man erste Schritte ins Betriebssystem Linux setzt.

Der Sommercamp. Wien-Chef zählt noch weitere mit Minecraft verknüpfbare Lehr- und Lerninhalte auf, die den computertechnischen Horizont des FURCHE-Reporters jedoch schnell übersteigen. Im Unterschied zu dem der jungen Sommercamp-Teilnehmer. „Die Kinder sind ziemlich gut drauf und kennen sich sehr gut aus“, bescheinigt Betreuerin Merve ihrer Gruppe. „Da haben einige 7- oder 8-Jährige bereits das Informatik-Niveau von Mittelschülern erreicht“, sagt sie: „Die Kinder lernen irrsinnig schnell und hauptsächlich voneinander – und anders als oft in der Schule sind sie voll bei der Sache und extrem interessiert.“ Merve studiert Informatik und Geographie für das Lehramt. Ihre Minecraft-Erfahrungen aus dem Sommercamp möchte sie als Lehrerin nützen und das Spiel gezielt in ihren Unterricht einbauen.

Spielerisch Physik lernen

Das wird auch bereits so praktiziert. Denn so sehr das Freiheits- und Kreativitätspotenzial von Minecraft der Lebensweise von Pippi entspricht, so wenig ist das Langstrumpf-Einmaleins „Zwei mal drei macht vier / widdewiddewitt und drei macht neune“ mit der Minecraft-Logik kompatibel. Das Spiel-Bergwerk gehorcht den mathematischen, physischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten der realen Welt und auch in den „Atombauwerkbänken“ von Minecraft muss man mit Protonen, Neutronen, Elektronen das Auslangen finden.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

„Das Spiel ist sehr einfach in der Handhabung, hält sich aber an Naturgesetze, die wir in der realen Welt haben und ist deshalb für den Transfer von realer in virtuelle Welt und umgekehrt gut geeignet“, erklärt Michael Fleischhacker, warum er Minecraft als „spielbasierte Lernübungs- und Wissensplattform“ empfiehlt. Fleischhacker ist Mittelschullehrer an der NMS Kinzerplatz im 21. Wiener Gemeindebezirk und wurde der FURCHE von der Spiele-, Medien- und Bildungsforschung-Abteilung der Donau-Universität Krems als „der“ Minecraft-Experte empfohlen. Fleischhacker ist ein „Minecraft Global Mentor“, heißt, er arbeitet mit Entwicklern von Microsoft zusammen, damit das Spiel für einen pädagogischen Mehrwert in Schulen genützt werden kann. Als mögliches Anwendungsbeispiel für Minecraft im Unterricht nennt er beispielsweise die in der 5. und 6. Schulstufe oft angstbesetzten Fächer Physik und Chemie, in denen man mit Minecraft das Periodensystem spielerisch vermitteln könnte: „Ich hoffe und wünsche mir, dass spielbasiertes Lernen mehr zum Einsatz kommt – da steckt noch sehr viel Potenzial drin.“

„Minecraft eignet sich als Lernwerkzeug, man kann vieles ausprobieren, aber man muss den Kindern auch Grenzen setzen.“

Martin Stadler, Informatiklehrer PNMS Zwettl

<br />  

Ein Kollege von Fleischhacker, der dieses Potenzial bereits seit Jahren nützt, ist Martin Stadler: „Ich bin immer offen für Neues, das die Kinder in den Unterricht mitbringen“, sagt der Informatiklehrer an der Privaten Mittelschule der Franziskanerinnen in Zwettl: „So habe ich von Minecraft erfahren und anschließend versucht, das schrittweise in meinen Unterricht zu integrieren.“ Stadler sieht im Spiel eine zusätzliche Möglichkeit, Inhalte aufzubereiten und die Kinder zu motivieren: „Wenn die Minecraft hören sind sie vor Freude ganz aus dem Häusl.“ Laut seiner Erfahrung beginnt die Begeisterung der Kinder für Minecraft beim Übergang von der Volksschule in die Mittelschule und flaut dann bei den 14-, 15-Jährigen wieder ab – „einige Spezialisten bleiben dann noch übrig, von denen lerne ich noch dazu.“

Teamfähigkeiten gefragt

Die Faszination, die von Minecraft ausgeht, erklärt er mit der Möglichkeit einer „offenen Welt“, die dieses Spiel bietet: „Ich vergleiche Minecraft gerne mit Duplo- Steinen – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“ Der Informatiklehrer schätzt Minecraft auch für soziales Lernen und Gruppenarbeiten: „Die Fähigkeit zur Kooperation ist dabei sehr wichtig – wenn die Kinder zusammenspielen, können sie riesige Welten bauen. Die Gruppe wächst zusammen, und wie sie früher als kleine Kinder miteinander Duplo gespielt haben, spielen sie jetzt gemeinsam Minecraft.“

Dazu passt die Antwort von Max, einem weiteren Betreuer im Minecraft-Sommercamp. Die FURCHE fragte ihn, was man im Minecraft-Spiel neben technischen Raffinessen am besten lernen kann. Max: „Vertrauen!“ Er erklärt das damit, dass dein/e Mitspieler die mühsam gemeinsam aufgebaute Welt mit einem Klick wieder löschen können: „Da lernst du schnell, wem du deine Zugangsdaten gibst.“

Und wie groß ist die Gefahr, dass Kinder den Spiel-Ausgang nicht mehr finden, völlig ins Online- Bergwerk hineinstürzen? Martin Stadler: „Alles mit Maß und Ziel. Es ist ein Lernwerkzeug, man kann viel ausprobieren, aber man muss den Kindern auch Grenzen setzen.“ In der Schule gibt er deswegen Projekte vor, die zielgerichtet und zeitlich begrenzt sind. Den Eltern rät er, sich von den Kindern das Spiel erklären zu lassen: „Die Kinder schwärmen und dann merkt man als Elternteil auch, dass das nichts Schlimmes ist.“

Auch Michael Fleischacker empfiehlt Eltern, mit ihren Kindern in Minecraft einzusteigen: „Dort sind die Kinder die Experten, wir laufen gemeinsam durch diese Welt und sie erklären mir, worum es geht – das schafft Motivation und bietet Anknüpfungspunkte, um Beziehungen aufzubauen und Wissen zu vermitteln.“ Grundsätzlich ist Fleischhacker überzeugt, dass Minecraft „ein gutes und sicheres Spiel ist, bei dem man sich als Eltern keine Gedanken machen muss, dass es Gewalt oder andere schädliche Einflüsse enthält“. Gleichzeitig betont er, nicht auf Ausgewogenheit zu vergessen: „Alles was wir zu intensiv betreiben und uns total von anderen Aktivitäten aus- und abgrenzt, schafft ei Problem.“ Sagt‘s und widmet sich nach dem Telefonat mit der FURCHE wieder seinen Kindern auf einem Sommerlager in Oberösterreich im analogen Pippi Langstrumpf- Modus: „Hollahi-hollaho-holla-hopsasa…“

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

FURCHE-Navigator Vorschau