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Die Form des Gekreuzigten

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"Die Sieben Worte Jesu am Kreuz": Moderne Fastentücher in der Wiener Dominikanerkirche.

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"Die Sieben Worte Jesu am Kreuz": Moderne Fastentücher in der Wiener Dominikanerkirche.

Die Fastenzeit ist eine Phase verdichteter Wahrnehmung: leer werden, aufmerksam, berührbar, durchlässig. In der Dominikanerkirche laden nun sieben transparente Tücher vor den sechs Seiten- und dem Hauptaltar zu einer neuen Wahrnehmung des gewohnten barocken Kirchenraumes ein. "Indem man etwas verhüllt, stellt man es neu dar", erklären die Künstler Cecile Nordegg und Jonathan Berkh ihren Ansatz. Meterhohe transparente Tücher, assoziative, abstrakte Farbgebilde verhüllen die Altarnischen, dahinter schimmert das Alte durch, wird in seiner schattenhaften Gestalt erst zum Besonderen.

Gemeinsam ist fast allen Tüchern die reduzierte Form eines "Y", die ausgezehrte Essenz des Gekreuzigten selbst. Zerbrechlich, fragil behauptet sie sich vor den vielen gebrochenen Farbschichten rundherum. Nicht die Form des Kreuzes ist wesentlich, die Andeutung der gekrümmten, leidenden Körpergestalt des Gekeuzigten ist es. Nur im zweiten Tuch, zu den Worten "Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein", fehlt sie. In der Ewigkeit gibt es keinen Körper mehr, den man andeuten könnte. Dieses Tuch beginnt im erdhaften Dunkel, erhebt sich über paradiesisches Grün bis hin in die leichten Gotteshimmelsfarben: gelb, orange, lachs, gold. Schon auf historischen Altarbildern wurde der Himmel so dargestellt.

"Die Wirkung, die moderne Kunst in einer Barockkirche hat, ist enorm", sagt der Prior der Dominikaner, Max Svoboda. Er hatte die Idee, die alte Tradition des Fastentuches neu und zeitgemäß abgewandelt wieder aufleben zu lassen. "Früher ging es nur um die reine Verhüllung, ein violettes Tuch mit weißem Kreuz verdeckte den Altar. Jetzt geben die transparenten Tücher einen Anreiz zur Meditation." Die sieben Worte Jesu am Kreuz wählte er als Essenz des Leidens aus, das Künstlerehepaar Nordegg und Berkh hat sich fast ein Jahr lang intensiv damit auseinandergesetzt, um sie in Farben und Formen umzusetzen. "Das Thema hat uns nicht mehr losgelassen. Es ist immer größer geworden. Zu den Bibelstellen sind Sekundärliteratur, eigene Gedanken, Emotionen, Studien zu Foltermethoden, Kreuzigung, Erfahrungen, Farbforschungen und viel mehr dazu gekommen", schildert Jonathan Berkh den Gestaltfindungsprozess. "Tag und Nacht haben wir mit den âsieben Worten' verbracht. Wenn wir nicht gemalt haben, dachten wir drüber nach, wenn wir nicht nachdachten, malten wir." Mit Pinseln auf Stangen, kniend oder stehend, bewältigten die beiden die unglaublich großen Tuchflächen.

"Wir wollten weg von der szenischen Darstellung, weg vom Physischen, sozusagen den metaphysischen Hintergrund hinter den "Sieben Worten" darstellen", so Cecile Nordegg. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit dem Geschehen am Kreuz kommt sie zu folgendem Schluss: "Garantiert an nichts glauben, ist eigentlich unmöglich." Kunst für einen sakralen Raum schaffen ist auch eine Art Gottfindung. Schon im Vorjahr hat eine Lichtraumgestaltung der beiden Künstler die Kirche sehr verändert, heuer werden die sieben Fastentücher die Osterzeit intensiv erleben lassen und sich auch auf die Andachts-und Gebetsform auswirken. Jeden Freitag um fünf vor fünf wird es Orgel- und Textmeditationen gehen. Prior Max Svoboda: "Wir werden die üblichen Kreuzwegsandachten durch die sieben Worte ersetzen."

Bis Ostern

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