Der_weiße_Tiger - © Foto: Netflix

"Der weiße Tiger": Wer hoch hinauswill, muss töten

1945 1960 1980 2000 2020

Weder Bollywood noch Hollywood: Ramin Bahranis Thriller „Der weiße Tiger“, der ab Freitag auf Netflix zu sehen ist, verhandelt die Unmöglichkeit eines sozialen Aufstiegs in der korrupten Realität Indiens. Ein Film, der Mechanismen der Macht schonungslos offenlegt.

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Weder Bollywood noch Hollywood: Ramin Bahranis Thriller „Der weiße Tiger“, der ab Freitag auf Netflix zu sehen ist, verhandelt die Unmöglichkeit eines sozialen Aufstiegs in der korrupten Realität Indiens. Ein Film, der Mechanismen der Macht schonungslos offenlegt.

Wer in Indien rauswill aus der Unterschicht, den Slums und der Armut, der hat im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wird Verbrecher oder Politiker. „Ist das in Ihrem Land auch so?“, fragt Balram Halwai (Adarsh Gourav) ganz provokant in die Kamera. Balram ist der Held und Antiheld der Bestsellerverfilmung „Der weiße Tiger“ (neu zu sehen auf Netflix), die auf dem Buch des indischen Schriftstellers und Journalisten Aravind Adiga basiert, das zu einem Welterfolg wurde und unzählige Preise gewann. Es gibt einen ziemlich konkreten Einblick in das indische Alltagsleben, das mit der romantisierenden Vorstellung eines unendlich bunten Landes wenig gemein hat.

Im Gegenteil: „Der weiße Tiger“ ist die Geschichte eines Aus- und Aufsteigers, der sich mit den widrigsten Umständen konfrontiert sieht, auch und vor allem seiner Herkunft wegen. Denn wer in Indien nichts hat, der wird sein Leben lang vermutlich auch zu nichts kommen.

So ist diese Gesellschaft aufgebaut: auf Verbrechen, Korruption, Lug und Trug. Oder wie es Balram formuliert: „Hier musst du immer beides gleichzeitig sein, um zu überleben: ehrlich auf der einen Seite, korrupt auf der anderen. Spöttisch auf der einen Seite, gläubig auf der anderen.“ Man muss es den anderen recht machen, wenn man selbst aufsteigen will. Kurz: Man muss sich zum Sklaven der Reichen machen, um es wenigstens ein paar Zentimeter weiter hinaufzuschaffen.

Lächeln – und den hohen Preis bezahlen

Das hat Balram schon längst erkannt. Mit seiner Familie lebt er in einem staubigen Dorf, tiefer unten kann man nicht sein. Balram hat kaum Schulbildung, immerhin reicht es zum Lesen. Seine einzige Chance, aus seinem Leben noch etwas Ordentliches zu machen, ist, einen Job als Diener eines reichen Herren zu finden, das würde ihn finanziell besser dastehen lassen. Ein solcher Posten wäre zudem gut für die gesamte Familie – das weiß auch Balrams gestrenge Großmutter, die dem Bub eigentlich das Ausziehen in die Großstadt verboten hat, aber mit der Aussicht auf viel Geld war auch sie davon zu überzeugen.

Und so macht sich Balram auf die Suche nach einem solchen Dienerposten. Der Geschäftsmann Ashok (Rajkummar Rao) und seine Frau Pinky (Priyanka Chopra Jonas), gerade aus den USA zurück, suchen einen Fahrer. Balram ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, man engagiert ihn, allerdings unter Vorbehalt: Denn wer in Indien aus einer niederen Kaste stammt, der ist eigentlich mit einer höheren nicht kompatibel. Dass es dennoch geht, ist zunächst ein Glück für Balram, aber er wird bald erfahren, wie hoch der Preis dafür ist.

Denn sein neuer Herr und dessen Familie sind alles andere als gütige Arbeitgeber. Sie lassen keine Gelegenheit aus, Balram zu demütigen, ihn herabzuwürdigen, ihn zu schikanieren. Und Balram quittiert all das mit einem Lächeln, als sei nichts passiert.

Das muss er tun, denn sonst verlöre er seinen Job. Doch in ihm staut sich viel Wut an, die zunächst nicht ausbricht, aber vor allem ab dem Zeitpunkt, in dem Balram als Mitwisser in eine Komplizenrolle gezwungen wird, reift in ihm der Entschluss, durch eigene Kraft für eine Änderung seiner misslichen Lage zu sorgen.

All das erzählt der indische Regisseur und Drehbuchautor Ramin Bahrani in packenden Bildern und mit einer ziemlich sarkastischen Nonchalance. Bahrani ist mit der Materie gut vertraut, er gehört seit 25 Jahren zu den besten Freunden des Buchautors und kennt den Roman in- und auswendig.

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