Malmkrog - © Foto: Filmgarten

„Malmkrog“ - Konversation bis zum Ende. Und darüber hinaus.

1945 1960 1980 2000 2020

Otto Friedrich über „Malmkrog“ von Cristu Puiu.

1945 1960 1980 2000 2020

Otto Friedrich über „Malmkrog“ von Cristu Puiu.

Normalerweise gilt für einen Film von drei Stunden und zwanzig Minuten, dass er schon etwas Besonderes sein muss, um eine derartige Länge im Kinosaal ertragen zu können. Cristu Puius monumentalem Meisterwerk „Malmkrog“ ist zu konzendieren, dass er diesbezüglich unerträglich ist: Man muss einer Konversation über diese Filmewigkeit hinweg folgen, nichts als Konversation – noch dazu fast ausschließlich
auf Französisch, wenn auch mit kurzen Einsprengseln von Deutsch, Ungarisch und Russisch, wie es in jenen besseren Kreisen des Fin de Siècle zugange war.

Und man kann dennoch nicht umhin, von dem, wie dieser rumänische Hexenmeister der Kinematographie einen in den Bann zieht, fasziniert zu sein. Die Vorlage für Puius filmischen Parforceritt bildet die Schrift „Drei Gespräche“ des russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow (1853–1900), die einer illustren Runde von europäischen Aristokraten, die sich im ungarischen Adelsschloss der Familie Apafi im siebenbürgischen Malmkrog aufhalten, in den Mund gelegt werden. Der russische Gutsbesitzer Nikolai (Frédéric Schulz-Richard), der fortschrittsgläubige Politiker Edouard (Ugo Broussot), die religiöse Olga (Marina Palii), Ingrida (Diana Sakalauskaité) und Madeleine (Agathe Bosch) parlieren unentwegt und geistreich über Gott und die Welt, Sein und Nichtsein, das Gute und das Böse in der Welt, Krieg (in Europa, der sich abzeichnet) und Frieden und den Antichrist, der ja in Solowjows eschatologischen Visionen eine besondere Rolle spielt.

Um die feinen Herrschaften herum wuselt eine Dienstbotenschar, die auch einen bettlägerigen General betreut. Zwischen surreal und existenziell changiert das alles – einmal werden die Protagonisten alle erschossen, um danach wieder weiter zu palavern, als ob nichts geschehen wäre. Tiefgründigstes Kino über die Grundfragen der Menschheit, wenn man sich darauf einlässt. Bei der neuen Berlinale-Reihe „Encounters“ gab es 2020 dafür den Regie-Preis.

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